Die Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Peter Thumb (1681–1766) Au Vorarlberg ok   Baumeister-Architekt 1707   1710
Gabriel Thumb (1671–1715) Au Vorarlberg     Maurermeister, Palier 1707   1710
Giovanni Battista Neurone (um 1660–nach 1710) Riva San Vitale     Stuckateur 1710   1710
Johann Balthasar Steiner (1668–1744) Arth     Maler 1710   1710
Johann Joseph Brägger (um 1640–1720) Lachen     Bildhauer 1711   1718
Franz Joseph Brägger (1672–1755) Lachen     Bildhauer 1711   1721
Leonz Fridolin Düggelin (1666–1746) Lachen     Maler 1733   1733

Lachen

Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz

Ein Dorf und seine grosse Barockkirche
Das Dorf Lachen liegt am oberen Zürichsee. Es ist bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein geschlossenes Haufendorf mit malerischer Hafenpartie und währschaften Bürgerhäusern. Zur Barockzeit ist es Untertanengebiet des Landes Schwyz. Die grosse Barockkirche mit der Doppelturmfassade in Hafennähe prägt den Marktflecken und ist weithin sichtbares Zeichen des wichtigsten Schwyzer Ortes am Zürichsee.
Das heutige Lachen ist durch ungeordnete Bautätigkeit geprägt, eine schleichende Zerstörung des ehemals schönen Ortsbildes hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Das Dorf ist heute nicht mehr romantischer Hafenort, sondern Endpunkt einer bandartig wuchernden Gebäudelandschaft, die sich am Schwyzer Zürichseeufer krebsartig ausbreitet. Noch kann sich die Kirche von Lachen dank ihrer Lage und ihrer dominanten Erscheinung in dieser Umgebung behaupten. Überraschend ist nicht nur die Dorfkirche mit der Doppelturmfront, überraschend ist auch der an eine Klosterkirche gemahnende Innenraum mit Wandpfeilern, Seitengalerien und Orgelempore. Wie kommt Lachen, ein zu dieser Zeit 1100 Seelen grosses Dorf, zu dieser Kirche? Treibende Kräfte sind in solchen Fällen architektonisch geschulte Kleriker, die sich auf Reisen informieren, und aufgrund des Studiums von Vorlagebüchern und Traktaten einen Wissensstand erwerben, der sie zu ebenbürtigen Gesprächspartnern der Baumeister macht. In Lachen sind es der von 1703 bis 1718 amtierende Dorfpfarrer Kaspar Fridolin Schwyter[1] und sein Onkel, der Statthalter und Kunstmaler Leonz Fridolin Düggelin, die als Mitglieder der Baukommission zuerst bei Caspar Moosbrugger in Einsiedeln, dann bei Franz Beer II in Rheinau vorstellig werden.

Erstlingswerk von Peter Thumb
Die Planung und Ausführung der Lachner Pfarrkirche ist früher an Bruder Caspar Moosbrugger zugesprochen worden, der 1703 einen Bauriss nach Lachen liefert. Ein Plan Moosbruggers für eine Pfarrkirche mit Ähnlichkeiten zur Ausführung der Kirche in Lachen ist tatsächlich vorhanden.[2] Der Bauvertrag mit (Johann) Peter und Gabriel Thumb vom 10. Juli 1707 widerlegt aber die Ausführung durch Moosbrugger. Der 26-jährige Peter Thumb ist zu diesem Zeitpunkt in Rheinau als Palier für Franz Beer II von Bleichten tätig. Er heiratet im gleichen Jahr dessen Tochter Anna Maria. Die Anfrage aus Lachen[3] wird vom vielbeschäftigten Franz Beer an Peter Thumb weitergeleitet, der zum Vertragsabschluss nach Lachen reist und sich kurz darauf in Rheinau auszahlen lässt. Der Schwiegervater sorgt dann auch für die entsprechend verlangte Bürgschaft. Damit hat er Peter Thumb einen ersten selbständigen Auftrag vermittelt und den Grundstein zu einer grossen Baumeisterkarriere gelegt.
Peter Thumb übernimmt in Lachen das Schema der reinen Wandpfeilerhalle mit Emporen nach vorarlbergischem Muster, das Moosbrugger in Disentis und Franz Beer II in Irsee und Rheinau bereits angewendet haben, und das sein Vater Michael Thumb auf dem Schönenberg bei Ellwangen und in Obermarchtal vorexerziert hat. Die Planung Thumbs in Lachen weist Ähnlichkeiten mit dem erwähnten Moosbrugger-Plan auf, auch mit der von Franz Beer 1702 erbauten Pfarrkirche St. Martin in Tannheim, die er sicher kennt. Noch grösser ist Verwandtschaft mit der Kirche seines Vaters auf dem Schönenberg bei Ellwangen. Die Chorapsidenkuppel in Lachen (sie ist nach Westen, zum See gerichtet)[4] ist eine Wiederholung von Ellwangen. Peter Thumb beruft sich formal auch grundsätzlich auf Schönenberg, reduziert und vereinfacht aber das Vorbild und nimmt für die Jochfolgen und die Grösse des Langhauses Tannheim als Vorbild. Wie bei anderen Bauwerken der Vorarlberger scheitert auch in Lachen der Versuch, die übliche rollende Planung mit Beteiligung von universell gebildeten Laien und praktizierenden Baumeistern nachträglich einem einzigen Planer zuzuordnen. Peter Thumb hat sicher an der Planung von Lachen die wichtigsten Beiträge geleistet, und dabei die Vorbilder nicht einfach kopiert: Die Gestaltung der Fassaden, insbesondere der Doppelturmfassade, besitzt eine Eigenständigkeit, die nicht mit Entlehnungen wegdiskutiert werden kann. Die Doppelturmfassade der Klosterkirche in Ebersmünster, die Thumb 1709 beginnt und die fast eine Zwillingsschwester von Lachen ist, betätigt diese Entwurfssicherheit des jungen Vorarlberger Baumeisters.

Bau der Kirche 1707–1711
Über den Baufortgang in Lachen sind wir nur insofern unterrichtet, als dass Peter Thumb und sein Bruder Gabriel die Kirche im Generalakkord für 7800 Gulden bis 1710 ausführen. Sie wird am 22. November 1711 geweiht. Die Altäre werden aus der alten Kirche übernommen und allmählich ersetzt. Die Ausstattung ist deshalb erst 1738 fertig.

Der Innenraum und die Ausstattung
Eine festliche Wandpfeilerhalle mit Orgelempore und Seitengalerien empfängt den Besucher. Die Stuckaturen stammen vom Tessiner Giovanni Battista Neurone, der um diese Zeit auch im Südflügel des Konventneubaus von Einsiedeln stuckiert. Die Deckengemälde sind Werke des Malers Johann Balthasar Steiner aus Arth. Im eingezogenen, langen Chor fällt ein reiches Chorgestühl auf. Es ist 1715 vom einheimischen Bildschnitzer Johann Joseph Brägger geschaffen worden, der auch Schöpfer der Kanzel und des Eingangsportals ist. Zusammen mit seinem Sohn Franz Joseph Brägger erstellt er ab 1718 den Hochaltar. Das Kreuzigungsgemälde des Hochaltars ist von Leonz Fridolin Düggelin. Er ist Lachner, Baukommissionsmitglied und hat den Kontakt zu Franz Beer in Rheinau hergestellt.
Die beiden Seitenaltäre sind Frühbarockaltäre (1665 und 1669) aus der Vorgängerkirche. Wertvoll sind die Bildwerke dieser Altäre von Johann Baptist Wickart (1635–1705) aus Zug und von Jakob Hunger (1647–1712) aus Rapperswil.
In den Emporengalerien stehen vierzehn fast lebensgrosse Satuen von Maria und Christus mit den 12 Aposteln, hervorragende Plastiken aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, vermutlich von Georg Guggenbühl.[5]

Die Orgel
Eine Vorgängerorgel mit 13 Registern wird 1805 verkleinert und in den Chor gesetzt. Die Orgelbauer Joseph und Anton Willimann aus Rickenbach erstellen für die Ostempore 1805–1806 eine neue Orgel mit 29 Registern. Der heutige Orgelprospekt stammt von dieser Orgel. 1965–1971 wird das  Orgelwerk von Kuhn in Männedorf neu gebaut und auf 43 Register erweitert. Das marmorgefasste Gehäuse aus 1806 mit fünf Türmen und sechs zum teil doppelstöckigen Feldern ist mit reichen geschnitzten und in Farbe und Gold gefassten Verzierungen mit klassizistischen Vasenaufsätzen, Girlanden und Schleierbrettern aus Lorbeer, Trauben, Eicheln und Granatäpfeln versehen. Das Orgelgehäuse wird als eines der bedeutendsten dieser Zeit in der Schweiz angesehen.

Restaurierungen
1882–1883 wirkt der Einsiedler Barockexperte Pater Albert Kuhn auch in Lachen. Seine barocken «Verbesserungen» können 1967–1969 in einer vorbildlichen Innenrestaurierung rückgängig gemacht werden. Eine Aussenrestaurierung mit neuer Farbgestaltung folgt 1985–1986. Die Kirche strahlt noch heute die Frische der Erbauungszeit aus. Ihre Wertung für Barocktouristen: «Verdient einen Umweg».

Pius Bieri 2008

Benutzte Einzeldarstellungen:
Anderes, Bernhard: Lachen, Kunstführer GSK, Bern 1971.
Gubler, Hans-Martin: Peter Thumb, Sigmaringen 1972.
Jörger, Albert: Die Kunstdenkmäler des Kantons Schwyz, Band II, Der Bezirk March, neue Ausgabe  (Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 82 der Gesamtreihe), Basel 1989.
Horat, Heinz: Barocke Grossbaustellen, in Meisterwerke im Kanton Schwyz, Band II, Hsg. Markus Riek, Markus Bamert, Bern und Zürich 2006.


Anmerkungen
[1] Er wird als «author et promotor zelosissimus novi tantique sacri aedificii» bezeichnet.

[2] Planfund Adolf Reinle in Luzern. Es handelt sich um das Blatt Fol. II b. (31:18.5 cm) in der Bürgerbibliothek Luzern.

[3] Vom Maler und Baukommissonsmitglied Leonz Fridolin Düggelin.

[4] Weil bei der alten, geosteten Kirche der Wind vom See derart hineingeblasen hat «dass oft die heiligen Kerzen am Altar erloschen».

[5] Georg Guggenbühl arbeitet 1641–1649 für das Stift Einsiedeln, wo auch sein Sohn, der Barockbildhauer Meinrad Guggenbichler (1649–1723) geboren wird. Die Statuen werden um diese Zeit einzeln gestiftet und bilden eine wichtige Vorgabe für den Neubau der Kirche. (Korrekturhinweis 2016 von Dr. Albert Jörger).




  Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz in Lachen  
  lachenSchnittte  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18 Jh.)
Lachen
Kanton Schwyz(CH)
Eidgenössischer Stand Schwyz
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz 1707
Bauherr und Bauträger

Kaspar Fridolin Schwyter (Pfarrer 1703-1718), Lachen.

Leonz Fridolin Düggelin (1666–1746), Lachen.
 
  Längs- und Querschnitt der Pfarrkirche von Lachen. Der Querschnitt ist geteilt in Schiff- und Chorbereich. Planaufnahme 1986 Felix Schmid.   pdf  
   
LachenFontana
Die Ostfassade im Farbentwurf 1986 (Rino Fontana, Rapperswil).  
   
LachenGrundriss
Grundriss der Kirche, genordet. Planaufnahme 1986 Felix Schmid.
 
lachenMossbrugger
1703 liefert Caspar Moosbrugger den ersten Plan für die Kirche von Lachen. Peter Thumb übernimmt von dieser Planung aber nur die Doppelturmfront und entwickelt, aufbauend auf der Kirche seines Schwiegervaters Franz Beer in Tannheim, eine genial kompakte Wandpfeiler-Emporen-Lösung.
> Zu den Vergleichen mit Tannheim.
 
Lachen1
Die Doppelturmfassade nach der Restaurierung 1986.  
Lachen2
Die Kirche von Nordwesten, nach der Restaurierung 1986.  
Lachen3
Der Innenraum mit den frühbarocken Seitenaltären (1665 und 1669) aus der Vorgängerkirche. Der Altarraum ist mit Chorgestühl und Hauptaltar reich ausgestattet. Es sind Werke von Vater und Sohn Brägger aus Lachen.  
Lachen4
Das Hauptportal, von Johann Joseph Brägger 1717 in Scheinarchitektur geschnitzt, hat trotz fehlendem Vordach fast 300 Jahre der Witterung getrotzt.  
Lachen1889
Auf der Erstausgabe der Siegfriedkarte 1889 ist Lachen noch ein intakter Flecken, die Pfarrkirche das wichtigste Gebäude am See. Heute ist der Dorfkern in einem ungeordneten Siedlungsbrei nicht mehr erkennbar.