Hilzingen
Pfarrkirche St. Peter und Paul
Hilzingen und das Kloster PetershausenBauverlauf des Neubaus, seine Bauherren und Meister
Abt Alphons Strobel, Propstei Mengen und Baumeister Peter Thumb
Seit 1737 ist Alphons Strobel Abt der Benediktiner-Reichsabtei Petershausen.[5] Vor seiner Wahl zum Abt amtet er als Statthalter von Petershausen in Hilzingen und ist auch mehrere Jahre als Seelsorger in der Hegaugemeinde tätig. Sein erstes grosses Bauvorhaben ist der Neubau der Prioratskirche von Mengen bei Sigmaringen. Petershausen hat das Priorat, ein ehemaliges Wilhelmitenkloster, 1740 von St. Blasien übernommen und sich für einen Kloster- und Kirchenneubau verpflichtet.[6] Abt Alphons überträgt die Planung und Ausführung dem in Konstanz wohnhaften Vorarlberger Peter Thumb.[7] Dieser baut 1742–1744 in Mengen zwei Konventflügel und eine Saalkirche mit fünf Achsen und eingezogenem Chor. Zwei wichtige Architekturelemente prägen diese Kirche. Die dritte Achse des Saalraums ist verbreitert und schwingt als Andeutung eines Querschiffes korbbogig aus, und umlaufende, freischwebende Emporen führen zum Chor. Der Saalraum von Mengen ist die Vorstufe zur Wallfahrtskirche Birnau und zur Kirche Hilzingen.[8] Im Porträt von Abt Alphons ist das Priorat Mengen nach seiner Fertigstellung abgebildet. Der Abt hält die Ansicht des Neubaus aus Süden in der Hand.
Der Neubau in Hilzingen 1746–1751
Abt Alphons Strobel lässt 1746 Planungen für die neue Pfarrkirche in Hilzingen erstellen. Vergrösserungen der alten Kirche werden geprüft, dann aber Anfang Oktober 1746 ein Neubau in der freien Mitte zwischen Unter- und Oberdorf beschlossen. Die Planung wird mit überzeugenden Argumenten Peter Thumb zugeschrieben. Anfang Juli 1747 kann der Grundstein in den bereits weit fortgeschrittenen Bau eingefügt werden. Weil er sich auf Erdgeschossniveau über dem hohen, gewölbten Untergeschoss der Kirche befindet, muss dieses an der Grundsteinlegung mindestens in seiner Nordhälfte schon gebaut sein. Das Deckenbild im Chor ist mit 1748 signiert, der Dachstuhl und das anschliessende Flachgewölbe müssen deshalb in der ersten Jahreshälfte fertiggestellt sein. Als Maler ist Benedikt Gambs[9] durch die Signatur belegt. Als Stuckateur, der auch für die Erstellung der Gipslattengewölbe zuständig ist, wirkt wie kurz vorher in der Prioratskirche von Mengen der Wessobrunner Johann Georg Gigl[10] Die Stuckatur- und Malerarbeiten sind im Spätherbst 1749 beendet. Am 11. November 1749 erfolgt die Benediktion der Kirche, deren Innenraum sich nun ohne Gerüste zeigt. Noch fehlt die Ausstattung. Der Hochaltar, die beiden Seitenaltäre und wahrscheinlich auch die Kanzel sind Stuckmarmorarbeiten von Johann Georg Gigl. Das Altarblatt des Hochaltars, eine Mariä Himmelfahrt nach Piazetta,[11] wird 1750 durch Benedikt Gambs gemalt. Für die Altarblätter der Seitenaltäre zieht der seit 1750 regierende Abt Michael Sauter[12] nicht mehr Benedikt Gambs bei. Er erteilt die Aufträge für die vier Blätter an Franz Ludwig Hermann.[13] Dieser signiert drei der wahrscheinlich schon 1751 gelieferten vier Blätter, welche der Heiligen Familie, dem hl. Benedikt, dem hl. Vitus und dem hl. Martin gewidmet sind.
Die Zuschreibung der weiteren Meister der Kirchenausstattung ist weniger gesichert. Vor allem der Bildhauer der Figuralplastik an den Seitenaltären, der um 1750/51 in Hilzingen arbeitet, ist schwierig einzugrenzen. Nur an den Seitenaltären sind die grösseren Assistenzfiguren noch original erhalten. Sie werden von Andreas Wieser (2023) dem Holzbildhauer Dominikus Hermenegild Herberger zugeschrieben.[14]
Noch 1750 wird die Orgel mit 11 Register auf der Westempore gebaut. Ihr fünfachsiger Prospekt mit den reichen Bildhauerarbeiten ist mit grosser Sicherheit ein Werk des Konstanzer Orgelbauers Johann Michael Bühler oder Bihler.[15]
Noch vor der Einweihung der Kirche am 26. September 1751 sind auch die schmiedeeisernen Brüstungsgitter, Treppengeländer und Oberlichtgitter versetzt. Sie sind eine Arbeit des Konstanzer Kunstschlossers Johann Jakob Hofner.[16]
Die Pfarrkirche in nachbarocker Zeit
Das 19. Jahrhundert
«Unbedingt verwerflich ist auch das fade, alberne, geschmacklose Geschnörkel französischer Erfindung vom siebenzehnten Jahrhundert bis zum Ende des achtzehnten» (Ignaz Heinrich von Wessenberg 1827 zum Rokoko).[17]
1803 fällt die Abtei Petershausen und ihre Besitzungen, darunter die Herrschaft Hilzingen, an die Markgrafschaft Baden. Die bisherige Baupflicht von Petershausen an der Pfarrkirche geht damit an den badischen Staat über. In den ersten Jahren betreuen ehemalige Petershausener Patres die Pfarrei. Noch 1814–1841 amtet der ehemalige Konventuale Placidus Natterer als Pfarrer. In dieser Periode, nun eine bereits barockfeindliche Zeit, findet auch die erste Innenraumsanierung statt. 80 Jahre nach der Einweihung scheint das Bauwerk trotz Meldung von «erheblichen Schäden» an den Deckengewölben aber noch in gutem Zustand zu sein. Die 1830 beschriebenen Massnahmen (Anstreichen der Stuckaturen und der Orgel, aufbringen von Firnis auf allen Gemälden und Altären) deuten noch nicht auf Eingriffe in das barocke künstlerische Konzept hin, solche finden aber 1853 einen Beginn. In diesem Jahr werden die vier Seitenaltarblätter von Franz Ludwig Hermann und das Hochaltarblatt von Benedikt Gambs durch Übermalung «verbessert».[18] Grosse, zum Glück später meist reversible Eingriffe, finden noch im letzten Viertel des Jahrhunderts statt. 1884/88 wird die damals unerwünschte Raumhelligkeit durch Einbau von farbigen Glasfenstern gedämpft. Gleichzeitig kommt der Altarraum in eine neugotische Kur. So werden die beiden barocken Apostelfiguren des Retabels und der freistehende Stuckmarmoraltar mit dem Tabernakel entfernt und durch farbig gefasste neugotische Bildhauerarbeiten ersetzt.
Das 20. Jahrhundert
«Die Zeit des Hasses ist vorüber. Es beginnt die Zeit der Würdigung» (Cornelius Gurlitt 1883).[19]
Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt man den lange verschmähten kirchlichen Barock wieder zu verstehen. Wenn noch 1887 der Inventarisator der badischen Kunstdenkmäler die Kirche Hilzingen mit der Bemerkung «Bemalung und Stucco von leidlicher Güte, im Geschmack des damaligen italienischen Rococo» abqualifiziert,[20] ändert sich diese Einstellung bis zu ihrer nächsten grossen Innenrenovation 1911 grundlegend. Nun kann sich der Freiburger Konservator für kirchliche Denkmäler Joseph Sauter[21] durchsetzen und ein Pflichtenheft erarbeiten, das auf Respekt vor den barocken Intentionen setzt und auch Rückführungen anordnet. Selbst die befremdliche Wahl des Dekorationsmalers Otto Haberer[22] für die Durchführung der Massnahmen scheint nachträglich kein Missgriff zu sein. Anlässlich dieser umfassenden Renovation wird auch der freistehende neugotische Hochaltar durch den alten, noch vorhandenen barocken Altar ersetzt, und in das Hochaltarretabel liefert Haberer zwei neubarocke Apostelfiguren.
Weitere Innen- und auch Aussenrenovationen folgen in den 1960er Jahren. Anlässlich der damaligen Innenrenovation werden die farbigen Kirchenfenster wieder entfernt, zeitgemäss wird aber noch immer gutgemeinte schöpferische Denkmalpflege betrieben. Dazu zählt die Vergoldung der Stuckaturen. 1987 wird erneut aussen saniert. Damals kann das heutige Farbkleid der Fassade auf Grund eines Befundes rekonstruiert werden.
Die Gesamtrenovation 2014–2016
«Konservierung und Restaurierung der Denkmäler bilden eine Disziplin, welche sich aller Wissenschaften und Techniken bedient, die zur Erforschung und Erhaltung des kulturellen Erbes beitragen können» (Artikel 2 der Charta von Venedig 1964).
Hundert Jahre nach der ersten denkmalpflegerisch inspirierten Renovation mit der teilweise Rückgängigmachung der grössten Sünden des 19. Jahrhunderts findet ab 2014 eine erneute grosse Innen- und Aussenrenovation unter der Leitung des Hilzinger Architekten Andreas Wieser statt. Sie ist vor allem der Sicherung und Konservierung gewidmet, und auch die erste umfassende Innenrestaurierung nach modernen Denkmalpflege-Grundsätzen, die sich ausschliesslich auf Befunde am Bau stützt. Die Kirche St. Peter und Paul zeigt sich heute innen und aussen in ihrer Erscheinung und Ausstattung im Zustand, wie sie nach ihrer Erstellung im 18. Jahrhundert gewirkt hat. Sichtbare neue Elemente sind einzig die gestalterisch etwas ausgefallenen Elemente des liturgischen Zentrums.[23]
Das Bauwerk
| Typologie Die Pfarrkirche von Hilzingen entspricht dem Typus, den Peter Thumb für seine Saalräume seit den 1730er-Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Während er für seine meist grösseren Klosterkirchen auf das bewährte Schema der Wandpfeilerhalle zurückgreift, setzt er bei der Grundrissdisposition der Saalräume auf eine Wandschichtung durch gestufte Pilaster und einer Querhausandeutung im vierten, verbreiterten Joch seiner fünfjochigen Longitudinalräume.[24] Der Saalraum geht dann in einen eingezogenen Chor über. Das Prinzip Saalraum mit Querhausandeutung ist nicht neu, schon sein Vater Michael Thumb hat es 1670 für die Klosterkirche im augsburgischen Wettenhausen angewendet. Neu ist bei den longitudinalen Saalräumen von Peter Thumb aber die weitgespannte Wölbung mit Gipslattengewölben. Er kann damit die Gewölbemitte für grosse Fresken flach halten, der die Wandausbildung bestimmende Gewölbeschub entfällt nun, und dank den zusätzlichen Nebenaltären in den flachen Querarmen erreicht er eine an das barocke Theatrum sacrum erinnernde Schauwirkung mit fünf Altären. Dieser Saalkirchentypus Thumbs nimmt Anleihen bei den Wandpfeilersälen von Johann Jakob Herkomer und Johann Georg Fischer in Füssen, Fultenbach und Innsbruck auf, bleibt aber singulär.[25] |
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| Vorgängerbauwerke der von Peter Thumb gebauten Saalkirchen im Vergleich. Zusätzlich: zentralisierende Wandpfeiler-Säle der Vorarlberger Baumeister 1712–1753 (anklicken!). |
| Genesis der Saalräume von Peter Thumb 1732–1734 baut er die Augustinerchorherren-Stiftskirche in Waldkirch im Breisgau als seinen ersten derart konzipierten grossen Saalraum, mit angedeutetem Querschiff im vierten Joch, eingezogenem Chor und Chorflankenturm. Noch wirkt der Raum ausgesprochen lagernd, und, verglichen mit gleichzeitigen bayerischen Saalräumen des gleichen Typus wie etwa St. Martin in Garmisch[26] oder St. Peter und Paul in Oberammergau,[27] auch hart und ungelenkig. Aber im nächsten Saalraum Thumbs, der Prioratskirche in Mengen bei Saulgau, die er 1741–1746 für das Kloster Petershausen baut, merzt er die Schwächen von Waldkirch aus. Die ausgeführte (und 1810 abgebrochene) Kirche von Mengen hat wie Waldkirch fünf Joche, im dritten Joch die querschiffartigen Ausbuchtungen, nun aber in sanfter Rundung ausgeführt, der Saalraum mit einem Innenraumverhältnis, dessen Raumhöhe eine umlaufende freischwingende Empore erlaubt. Die Kirche von Mengen ist die direkte Vorstufe zur 1746 begonnenen Wallfahrtskirche Birnau, aber auch zur 1747 begonnenen Pfarrkirche Hilzingen. Die Unterschiede der drei Folgebauten von Waldkirch sind, wie der Planvergleich erläutert, marginal. Die Pfarrkirche Hilzingen ist gegenüber der Kirche von Mengen um das Kirchturmjoch verlängert. Sie kann als Schwesterbau der Birnau betrachtet werden. Die Birnau weist ähnliche Raumverhältnisse auf, ist aber um den markanten, quergestellten Pfleghof (heute Priesterbau genannt) mit dem Mittelturm verlängert. Noch vor dem Bau der Stiftskirche St. Gallen, bei der wieder das Wandpfeilerschema mit Massivgewölben angewendet wird, kann Thumb 1752–1755 noch einen letzten Saalraum in Tiengen am Hochrhein verwirklichen. Die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt knüpft aber nicht an das in Hilzingen letztmals verwirklichte Saalraumschema an, sondern ist eine dreijochige Wandpfeilerhalle mit massiven Gewölben.[28] Wie die Wallfahrtskirche Birnau ist auch der Innenraum der Pfarrkirche Hilzingen ein Rokokoraum. Der Begriff darf aber nicht auf das Kirchenbauwerk, das heisst auf die spätbarocke Architektur angewendet werden. |
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Die Lage im städtebaulichen Kontext
Die Kirche St. Peter und Paul wird 1747–1751 an erhöhter, neuer Lage zwischen Unter- und Oberdorf errichtet. Sie steht gegenüber dem «Schloss», wie das mächtige, dreigeschossige und mit Zeltdach gedeckte Barockgebäude noch lange genannt wird. Das einstige Statthaltereigebäude der Abtei Petershausen, erbaut im frühen 18. Jahrhundert, ist heute das Rathaus von Hilzingen. Den Abschluss nach Westen bildet die ehemalige Vogtei, das heutige Pfarrhaus, vom Kloster im Jahr 1659 direkt nach der Übernahme der Pfandherrschaft errichtet. Ein Verbindungsgang vom Untergeschoss des «Schlosses» zum Untergeschoss der Kirche ist noch erhalten. Er quert die heute Hauptstrasse genannte Verbindungstrasse vom Unterdorf zum Oberdorf. Dem Besucher, der auf dieser Strasse aus Westen ankommt, zeigt sich die Gebäudestruktur seit den ersten topografischen Aufnahmen des 19. Jahrhunderts nur wenig verändert. Wie damals bilden Kirche und «Schloss» als wichtigste Bauwerke an erhöhter Lage den optischen Empfang, die Kirche aus dieser Sicht sogar mit Turm und Westfassade freigestellt.
Der Baukörper
Das fünfjochige Langhaus mit den querhausartigen, gerundeten Ausbuchtungen mit dem eingezogenen Chor ist, wie oben in der Genese der Saalbauten von Peter Thumb vorgestellt, auch das Merkmal der Hilzinger Pfarrkirche. Sie zeichnet sich zusätzlich mit einem dominierenden Frontturm aus. Dieser ist zur Hälfte in das Eingangsjoch integriert und enthält im Erdgeschoss den ursprünglichen Haupteingang. Thumb fundiert das Kirchenbauwerk auf mächtigen Kellergewölben, die eher dem unsicheren Untergrund als dem Bedürfnis als Lagerraum zu verdanken sind. Sie sind aber erschlossen, einerseits durch den Gang zum jenseits der Strasse liegenden «Schloss», andererseits durch einen Aussenabgang.
Der Innenraum
Der Saalraum des Langhauses ist innen 13,35 m breit und 11,48 m hoch, damit im Raumverhältnis 1:0,86 zwar niederer als das gleichzeitige Bauwerk der Birnau mit dem Verhältnis 1:1, aber in der Innenlänge von Langhaus und Chor fast identisch. Ein nur wenig einspringender Chorbogen trennt das Langhaus vom fast quadratischen Chor. Gestufte Pilaster mit hohem Fries und weit ausladendem Gesims bilden die Vertikalgliederung des Raumes. Das Pilastergebälk ist tief angesetzt und nicht durchgehend. Verbindende Schild- und Gurtbögen rahmen die Fensterbögen. Mit ihren Gewölbe-Stichkappen wird die Illusion eines Rundgewölbes erreicht. Die Pilaster fassen auch die beiden Seitenaltäre und betonen dank ihrer Eckausbildung die Ansätze der «Querhaus»-Ausrundungen im vierten Joch, was deren Altäre mit den vorderen drei Altären zu einem eigentlichen Schaubild zusammenfügt.
Der Dachstuhl
Das Sparrendach ist ein zweistöckiger liegender Stuhl mit mittlerem Hängewerk und durchgehender Zerrbalkenlage. Das bewährte System wird von Peter Thumb wahrscheinlich bei allen seinen Saalkirchen angewendet.[29] Weil in Hilzingen aber der Hängesäulen-Längsträger unter der Zerrbalkenlage liegt, ist zur Aufnahme des Gipslattengewölbes unter dem Längsträger eine weitere Balkenlage eingebaut.
Die Einturmfassade
Seine ersten Türme baut Peter Thumb 1707/11 in Lachen am Zürichsee. Es sind, wie auch in Ebersmünster 1708/11, in St. Peter im Schwarzwald 1724/26 und in Frauenalb 1726/31 Doppelturmfronten. Die einzelnen Türme zeigen aber bereits die Merkmale des Frontturmes von Hilzingen. Es sind zweigeschossige, quadratische Turmschäfte mit einem dritten, zurückgesetzten und zum Achteck geschrägten Glockengeschoss. Das erste Turmgeschoss entspricht jeweils der Fassadenhöhe des Bauwerks. Bei seinen axial angeordneten Einturmfassaden ist der Turm wie in Hilzingen als vertikalbetontes Element der Fassade vorstehend.
Thumb gestaltet den Turmhelm in Hilzingen mit einer zwiebelbekrönten Laterne auf einer Welschen Haube und betont damit die Vertikale zusätzlich. Die gleiche Lösung wendet er auf der Birnau und bei den nachfolgenden Einturmfassaden von Mundelfingen und Tiengen an. Der Turmhelm ist mit Kugel und Doppelkreuz 15 Meter hoch, die Gesamthöhe des Turms erreicht 45 Meter. Ursprünglich ist der Turmhelm anstelle des dunkel oxydierten Kupferblechs mit rot gestrichenem Weissblech gedeckt.
Am Eingangsportal, dem wichtigen Element der Einturmfassade, wiederholt Thumb mit dem bekrönenden Kielbogengiebel ein von ihm vielverwendetes plastisches Element.
Mehr zum Typus der Einturmfassade siehe im Exkurs
Die Gliederungen der Fassaden und ihre Farben
Die frei sichtbare Hilzinger Pfarrkirche ist mit ihrer Fassadengliederung ein schönes Beispiel eines Putzbandsystems. Unter diesen Begriff fällt die gliedernde Ordnung der mit Sockel und Architrav bündigen Lisenen, welche die Wandfläche entsprechend der Gebäudestruktur gliedern und diese als Felder betonen. Baumeister Thumb ist ein Meister dieser Fassadengliederung.[30]
Speziell, auch an den Fassaden von Hilzingen, ist bei ihm die Freisetzung der Lisenen von den Ecken.
Die sanfte, ehemals barocke Kalkfarbigkeit der Kirche Hilzingen ist seit 1987 aufgrund eines Zufallsfundes wieder rekonstruiert, die Felder zeigen sich seither in hellem Altrosa, das gliedernde Putzband in Weiss.[31] Allerdings darf diese originale Farbgebung nicht als Vorbild für alle Saalkirchen von Peter Thumb gelten.[32]
Stuckaturen und Deckenbilder
Die Rokoko-Stuckaturen
Seit den ersten Anwendungen in Sakralräumen um 1740 löst die Rocaille als aktuelles Ornament dasjenige der Régence ab und wird jetzt zum absoluten Markenzeichen der Wessobrunner Stuckateure. Wessobrunner Herkunft ist auch der von Peter Thumb bevorzugte Stuckateur und Altarbauer Johann Georg Gigl, der 1748 den Innenraum der Pfarrkirche Hilzingen stuckiert. Sehr zurückhaltend betont er, wie zum Beispiel bei den Stichkappen im Langhaus mit ihren gratbetonenden Leisten und ihren inneren zarten Begleitornamentik, die Tektonik. Im Chor bringt Gigl an dieser Stelle phantasievolle Rocaille-Kartuschen mit Ausfransungen an. Diese Stichkappenkartuschen in Weiss auf lichtem ockerfarbenen Grund zeigen vermutlich die ursprüngliche Wirkung der Gigl-Stuckaturen. Weiss, nun aber auf grauem Grund, sind auch die noch an die Régence anklingenden Stuckaturen der Gurtbögen. Völlig anders zeigen sich heute die rahmenbildenden Stuckaturen der Deckengemälde. Ihre Weissfassung wird durch eine partielle Golderhöhung übertönt, die den Rokokocharakter zwar betont, aber eine schöpferische Zugabe des 20. Jahrhunderts ist.[33]
Aufmerksamkeit verdienen auch die Pilasterkapitelle in Langhaus und Chor. Sie sind phantasievolle Rokoko-Umwandlungen eines Kompositkapitells. Aus der Rocaille an der Mittelkartusche der Kapitelle im Langhaus fällt ein Fruchtgehänge mit Trauben und Quitten, auf dem Kapitell sind geflügelte Engelsköpfe angebracht. Im Chor dominieren die Putti die Kapitelle und halten Blumengehänge.
Die Deckenbilder
Für die Legende der Decken- und Zwickelbilder gehe zum Anhang I
Benedikt Gambs malt die Deckenbilder im Chor 1748 und diejenigen im Langhaus 1749. Restaurierungen, die erste 1853, haben ihnen zugesetzt. «Dessen ungeachtet spricht uns das Gesamtwerk auch heute noch an, nicht zuletzt in gedanklicher Hinsicht. Hinsichtlich der Thematik sei betont, dass die dargestellten Motive nicht etwa die Erfindung des Malers, sondern dem allgemeinen Symbolschatz des Barockzeitalters zuzuschreiben sind.» schreibt Reinhard Frauenfelder 1956. Das Bildprogramm, im Anhang gestrafft zusammengestellt (detailliert hat es Andreas Wieser in seinem umfangreichen Werk 2023 beschrieben), stammt von Patres des Klosters Petershausen, vielleicht sogar von Abt Alphons selbst. Bei den gelehrten Benediktinern von Petershausen dürften Kenntnisse von Stichveröffentlichungen mit gleicher Thematik, bei den Allegorien die Kenntnis des weitverbreiteten Werkes «Iconologia» von Cesare Ripa[34] Grundlage sein, bei Benedikt Gambs vor allem aber Übernahmen aus thematisch ähnlichen und ihm direkt bekannten Werken aus seiner Gesellenzeit. Er ist ein Meister des barocken «Pasticcio», wie die Kunst, Ausschnitte von Werken Dritter aufzunehmen und zu einem neuen Werk zu kombinieren, genannt wird.
Ausstattung
Die Altäre
Beim Nähertreten in den Kirchenraum erfasst der Besucher in einer barocken Szenografie fünf Altäre, dies trotz der Stellung der beiden Querarm-Altäre an der Aussenwand (siehe dazu das Titelfoto). Der Hochaltar dominiert das innenarchitektonische Schaubild.
Alle Stuckmarmor-Retabel der Altäre sind Werke von Johann Georg Gigl. Er und seine Mitarbeiter fertigen diese 1750. Es sind die frühesten der noch erhaltenen Stuckmarmoraltäre Gigls. Er beweist sich damit auch als grosser Meister der Altarbaukunst. Die Marmorierungen der Retabel sind am Hochaltar die gekonnte Mischung eines dunklen, rot-bräunlich abgetönten Gipsteigs mit einem warmen elfenbeinfarbenen Teig. Die Elfenbeintönung nimmt dann an den Seitenaltären zu. Zwar hat die Stuckmarmorfarbigkeit unter den älteren, unsachgemässen Restaurierungen gelitten, in die ebenfalls durch die «Kuren» des 19. und 20. Jahrhunderts gedämpften Farben der Bilderwelt und der Wände fügt sie sich aber sehr schön ein.[35]
Der Hochaltar
Der Besucher erfasst den Hochaltar als Einheit von Altartisch (Stipes und Mensa) und Tabernakel mit dem Retabel. In Wirklichkeit sind aber Altartisch und Tabernakel, erhöht auf einer Stufenanlage, vom Retabel freigestellt (siehe den Grundriss). Diese Loslösung ermöglicht einen verdeckten Zugang in der Mitte der hohen Postament- und Sockelzone des Retabels in die dahinterliegende Sakristei. Das mächtige, konkav zum Raum geöffnete Säulen-Retabel umfängt den davorliegenden, erhöht stehenden Altar und bindet ihn optisch ein. Der freistehende Altar und der Tabernakel sind im Wesentlichen eine Wiederherstellung der barocken Anlage durch Otto Haberer von 1912. Am Retabel sind die beiden Assistenzfiguren der Kirchenpatrone voluminöse neubarocke Schöpfungen, das Retabel selbst ist im ursprünglichen Zustand. Es ist zweischichtig aufgebaut. In der hinteren Ebene liegt das Altarblatt und das mächtige Obstück des «Auszugs». Den seitlichen Abschluss bilden konkav gesetzte Volutenpilaster. Konvex vorspringende, gekoppelte Pilaster und Säulen mit Komposit-Kapitellen rahmen das Altarblatt mit der Himmelfahrt Mariens von Benedikt Gambs. Weit konkav geöffnet ist in der vorderen Ebene das äussere gekoppelte Pilaster- und Säulenpaar. Wirkungsvoll rahmen diese Säulen- und Pilasterpaare das Altarblatt und die beiden Assistenzfiguren. Die Säulen- und Pilastergruppierungen stehen auf einer hohen, vor- und zurückschwingenden Sockel- und Piedestalzone und tragen ein Gebälk mit einem weit ausschwingenden Gesims. Auf den Sprenggiebeln der inneren Säulen sitzen adorierende Engel, die zum dreipassförmigen Oberblatt mit der Dreifaltigkeit von Benedikt Gambs weisen. Der aussen konkav vorspringende «Auszug»[36] stützt sich mit Volutenspangen auf das Gebälk der beiden äusseren Säulen ab. Auf seinen Voluten und Sprenggiebeln sitzen Putti. Eine goldene Krone bildet den oberen Abschluss.
| Altarretabel Hochaltar: B 6,8 m, H 11,3 m; Altarblatt: ca. 2,3 m x 4,8 m. |
Im Altarblatt malt 1750 Benedikt Gambs die Himmelfahrt Mariens mit den überraschten Jüngern am leeren Sarkophag. Im Oberblatt malt er die Dreifaltigkeit. |
Assistenzfiguren sind der hl. Petrus (mit Buch und Schlüssel) und der hl. Paulus (mit Schwert). 1912 als Ersatz neugotischer Figuren eingesetzt. |
Seitenaltäre
Die beiden Seitenaltar-Retabel der Heiligen Familie und des heiligen Benedikts sind zwar deutlicher als der Hochaltar vom Typus der Ädikula geprägt, aber trotzdem mehr dem Rokoko verpflichtet. Flankierende, übereckgestellte Pilaster öffnen sich zum Raum. Ihr Schaft ist aber von Basis bis Kapitell nicht existent. Anstelle der Kapitelle sind Voluten mit Puttoköpfen angebracht und auf den Piedestalen stehen Statuen. Noch mehr als durch diese originelle Lösung und den eleganten, mehrfach geschweiften Rahmen der Altarblätter von Franz Ludwig Hermann ist das Rokoko im Obstück, dem «Auszug» vertreten. Dieser setzt über der hochreichenden Gebälkverbindung an, die entsprechend dem Altarblatt gebogen und geschweift ist. Vorerst noch symmetrisch einwärtsgebogen, endet sein Oberteil in einer asymmetrischen Rocaille-Kartusche. In die grau-blau marmorierte Fläche des Obstücks sind vergoldete Monogramme (Maria und Benedictus) aufgesetzt. Der Bildhauer der Assistenzfiguren ist unbekannt. Es sind durchwegs keine Stuckplastiken, sondern polierweiss gefasste Werke eines Holzbildhauers.
| Links (Ost) Altar der Heiligen Familie Grösse: B ca. 3,0 m, H ca. 8,5 m; Altarblatt ca. 1,4 m x 3,1 m. Im Altarblatt malt Franz Ludwig Hermann 1751 die Heilige Familie (nach einem Vorbild von Francesco Trevisani in der Kirche Santa Maria in Via Lata, Rom 1729). Die Assistenzfiguren sind der hl. Sebastian und der hl. Rochus. |
Rechts (West) Benediktusaltar |
Nebenaltäre
Die beiden Nebenaltäre in den Querachsen-Ausrundungen stehen an der Aussenwand zwischen zwei Fenstern. Sie sind, obwohl symmetrisch aufgebaut, reife Altarbauten des Rokoko. Eine zurückhaltend gestaltete Ädikula fasst das dominierende Altarblatt mit dem geschwungenen Goldrahmen, an dem jede Gerade eliminiert ist. Die beiden Retabel nehmen die Rundung der Aussenwand auf. Ihre grau-blau-rote Sockelzone schliesst Stipes und Mensa ein. Die dunkle Farbigkeit setzt sich in der Predallazone fort, deren seitlich auskragende Voluten-Postamente originell asymmetrisch umgeformt sind. Der weitere Aufbau ist als helle Bildrahmung grau-blau marmoriert, auf dem hoch aufgebogenen Gebälk stehen vergoldete Früchte- und Blumen-Ziervasen und tummeln sich Putti. Asymmetrisches Rocaille-Kartuschenwerk schliesst die Giebelkomposition ab. Diese beiden Nebenaltäre sind beste Wessobrunner-Arbeit, wie sie noch 20 Jahre später in St. Georgen bei Diessen zu finden ist.[37]
Links (Ost): Martinsaltar Grösse: B ca. 3,0 m, H ca. 7,1 m; Altarblatt ca. 1,5 m x 3,0 m Maler des Altarblattes ist Franz Ludwig Hermann 1751 mit der Darstellung des hl. Martin hoch zu Ross bei der Mantelteilung mit einem Bettler. |
Rechts (Süd): Vitusaltar |
Weitere Ausstattungen
Die Kanzel
Die Kanzel trägt das vergoldete Wappen von Abt Michael Sauter, der 1750 bis 1761 regiert. Ihre Ausführung in Stuckmarmor, mit der Figuralplastik in Stuck, sowie die vorherige Ausführung der Altäre durch Gigl lässt die Kanzel der Gigl-Werkstatt zuschreiben.[38] Sie hängt in der Diagonale am Eckpilaster der Ostausbuchtung des Martinaltars. Der gerundete, unten leicht geschweifte Kanzelkorb wird durch vier Volutenlisenen gegliedert. Ihre Ausrollungen am profilierten, vorspringenden Sockel tragen Putti mit den Evangelistensymbolen. Der Korb wird durch einen steilen, trichterförmigen Fuss getragen, der die Gliederung mit geschwungenen Volutenlisenen aufnimmt und auf einer Kartuschenkonsole über dem Pilastersockel ruht. Der Schalldeckel wächst aus einer ausgeschweiften Stuckmarmor-Rückwand. Er folgt, im Grundriss konvex-konkav geschweift, dem Umriss des Korbes und enthält ein vergoldetes Lambrequin-Gehänge. Die Bekrönung erfolgt über einer spiegelbildlichen Wiederholung des Kanzelfusses mit Putti, vergoldeten Gesetzestafeln und einem vergoldeten Strahlenkranz mit dem Dreifaltigkeitssymbol. Der Treppenaufgang zur Empore besitzt anstelle der üblicherweise geschlossenen Stuckmarmorbrüstung ein feines, vergoldetes Rokoko-Eisengitter. Die Kanzel kann so als vertikal betontes Schmuckstück des Eckpilasters gelesen werden.
Die Orgel und das Emporengitter
Ein weiteres Schmuckstück des Innenraums ist die Orgel mit dem noch originalen Prospekt von 1750. Der mit seinem vergoldeten Rocaille-Schnitzwerk äusserst zierlich wirkende Prospekt ist fünfachsig vor den in den Innenraum vorspringenden Turm gebaut. Zwei äussere, rund vorstehende Pfeifentürme mit kräftigem Gebälk fassen drei niedere Felder. Das Mittelfeld enthält über hohem Gebälk in einer Rocaille-Kartusche die Wappen Petershausen (geteilt von Rot und Blau, oben ein goldener Schlüssel, unten ein silberner Fisch), Stein (St. Georg mit Drachen und Fahne) und Strobel (in Blau ein silberner Pelikan, der sich für die Jungen die Brust aufreisst). In der Art eines Brustschildes ist oben zusätzlich ein Marienbild eingefügt.
Leicht vertieft ist darüber ein Kronwerk aufgesetzt, welches die Vertikale zusätzlich betont. Das Prospektgehäuse, ursprünglich mit einem Werk von 11 Register, hat seit 2017 16 Register, die durch Wechselschleifen auf 27 Register erweitert werden können [II/P/16 (27)]. Besonderheit des Orgelwerks ist die Windführung, speziell der seitlichen Türme, deren Prospektpfeifen wie auf den flammenförmigen Rocaillen des Schnitzwerkes aufgelagert scheinen. Sie werden mit Kondukten[39] von der Windlade versorgt.
Die Brüstung der Orgelempore bietet mit ihrer aufgesetzten, blau-rot-golden gefassten Kunstschmiedearbeit einen weiteren Blickpunkt. In der Mitte ist das Wappen von Abt Michael Sauter aufgesetzt. Das Gitter muss demnach erst nach dem 28. August 1750 geschaffen worden sein. Zu diesem schmiedeisernen Gitter schreibt Andreas Wieser: «Die Verwendung immer wiederkehrender Bauteile wie Rocaillen, Schnörkel, Bandelwerk, Kapitellen, Säulen, Schnecken und Verschraubungen sind eindeutig zuordenbar und insbesondere deren typische Anordnung lässt die Herkunft der Hilzinger Kunstschmiedearbeiten der Werkstatt des Johann Jakob Hofners eindeutig zuschreiben».
Die Orgelempore mit ihrem einmaligen Orgelprospekt und ihrer Brüstung bildet damit das würdige Pendant zum Hochaltar.
Chorgestühl
Das Chorgestühl, um 1750 vermutlich für die 1782 aufgehobene Hilzinger Rosenkranzbruderschaft geschaffen, ist beidseits des Chors auf die ganze Länge angeordnet. Das Intarsiengestühl des Rokoko ist das Werk eines guten Kunstschreiners. Beidseits des am Mittelpilaster vorschwingenden und erhöhten Mittelteils sind breite Dorsal- und Bankfelder mit Pilaster ausgeschieden und durch Felderfüllungen mit maseriertem Nussbaum und Rocaille-Intarsien betont.
Pius Bieri 2025
Literatur |
Ginter, Hermann: Südwestdeutsche Kirchenmalerei des Barock. Die Konstanzer und Freiburger Meister des 18. Jahrhunderts. Augsburg 1930. |
Frauenfelder, Reinhard: Die Deckengemälde in der Kirche von Hilzingen, in: Jahrbuch des Geschichtsvereins Hegau, Singen 1956. |
Frauenfelder, Reinhard: Beiträge zur Kirchengeschichte von Hilzingen, in: Jahrbuch des Geschichtsvereins Hegau, Singen 1970/71. |
Gubler, Hans Martin: Der Vorarlberger Barockbaumeister Peter Thumb. Sigmaringen 1972. |
Wieser, Andreas: Flammende Musik. Festschrift zur Weihe der neuen Thomas-Orgel. Hilzingen 2017. |
Wieser, Andreas: Zur geistlichen Wend. Die Barockkirche St. Peter und Paul Hilzingen. Hilzingen 2023. |
Wieser, Andreas: Barockkirche Hilzingen. Pfarrkirche St. Peter und Paul. Kunstführer. Lindenberg 2024. |
Anmerkungen
[1] Zur Abtei Petershausen bei Konstanz siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/h-r/Petershausen.html.
[2] Gehe zur Beschreibung von Hilzingen im Lexikon des Grossherzogtums Baden 1813 unter Hilzingen_1814_Lex.jpg
[3] St. Georgen in Stein am Rhein ist 1005 aus der Verlegung des Burgklosters auf dem Hohentwiel entstanden. Zum übertragenen Ausstattungsgut gehört auch Hilzingen. Zum Kloster St. Georgen siehe Kloster_St._Georgen_(Stein_am_Rhein).
[4] Die alte Pfarrkirche ist im Gemarkungsplan von 1863 nicht mehr eingetragen. Sie wird spätestens nach 1803 abgebrochen. Ihre Lage am Südrand des Unterdorfes am Mühlbach ist im Plan in der oberen Hälfte des Friedhofs bei der Bezeichnung «Zwinghof», heute mit dem Haus Bahnhofstrasse 2 und dem Feuerwehrgebäude Hauptstrasse 73 identisch. Westlich des Mühlbaches, gegenüber der damaligen Pfarrkirche, liegt der zugehörige Kellhof (Kehlhof). Er wird im 1725 von Petershausen an der damaligen Chaussee Schaffhausen-Stuttgart neu gebaut (heute Dietlishofer-Strasse 75/77).
[5] Alphons Strobel (1691–1750) aus Pfullendorf, Abt in Petershausen 1737–1750. Siehe Petershausen_Strobel_Alphons.html.
[6] Das heruntergewirtschaftete Wilhelmitenkloster wird 1725 von St. Blasien auf Betreiben des päpstlichen Nuntius und des Bischofs übernommen. St. Blasien baut die Wirtschaftsgebäude mit dem Hofbaumeister Johann Georg Brix 1636–1638 (Brix_Joh_Georg.html) und kann dann 1740 das zum Benediktinerpriorat umgewandelte Kloster Mengen für 20 000 Gulden an Petershausen verkaufen. Es scheint, dass St. Blasien den Käufer mit Verschweigen des grossen Personalaufwandes für die Betreuung von Priorat und Stadtkirche über den Tisch gezogen hat. 1774 muss St. Blasien in einem Vergleich das Priorat zurücknehmen und Petershausen entschädigen.
[7] Peter Thumb (1681–1766) aus Bezau im Bregenzerwald.
Zu ihm siehe Thumb_Peter.html. Obwohl kein einziges Dokument auf ihn als Baumeister in Hilzingen hinweist (die Bauakten sind verschwunden), kann dank der Verwandtschaft mit Mengen (1742) und der Wallfahrtskirche Birnau (1745–1751), beides Bauten von Peter Thumb, kein Zweifel an seiner Urheberschaft bestehen.
[8] Die Kirche Mengen wird 1810 abgebrochen, die beiden Klosterflügel sind heute Gymnasium. Anstelle der Kirche steht eine schlimme architektonische Missgeburt aus den 1970er-Jahren.
[9] Benedikt Gambs (um 1703–1751) aus Gestratz bei Isny im Allgäu. Zu ihm siehe Gambs_Benedikt.html.
[10] Johann Georg Gigl oder Gigel (1710–1755) aus Wessobrunn. In Mengen ist er als Stuckateur belegt. Sein Beizug in Hilzingen durch Abt Alphons ist sicher der guten Zusammenarbeit mit dem Baumeister Thumb in Mengen zu verdanken. In Riegel am Kaiserstuhl arbeitet Gigl 1744/45 erstmals mit Benedikt Gambs zusammen, vielleicht im Frühjahr 1748 auch im Prälatensaal des Pfarrhauses Wyhl am Kaiserstuhl. Weil weder Thumb noch Abt Alphons den Maler kennen dürften, verdankt dieser den Auftrag in Hilzingen wahrscheinlich dem Stuckateur Johann Georg Gigl. Diese Fortsetzung der Zusammenarbeit von Künstlern, die Handschrift der Stuckaturen und eine durch Architekt Andreas Wieser veröffentlichte Signatur «Johan Georg Gigel» hinter dem Hochaltar unter dem Datum 1750 sind ausreichende Belege für eine sichere Zuschreibung der Arbeiten in Hilzingen an Johann Georg Gigl (Gigel). Zu ihm siehe Gigl_Johann_Georg.html.
[11] Mehr zu den Altarblättern siehe im Kapitel «Architektur und Ausstattungen». Zum Hochaltarblatt auch die Anmerkung 41.
[12] Michael Sauter OSB (1690–1764) aus Konstanz. Profess 1712 im Kloster Petershausen. Primiz 1715. Er ist Professor der Humaniora, Granarius, Novizenmeister, Professor der Philosophie und Theologie (13 Jahre), Oekonom in Waldhof bei Herdwangen und Statthalter in Hilzingen. Er wird am 28. Juli 1750 zum Abt gewählt. Sein Wappen, in Blau eine Taube auf Dreiberg, die im Schnabel einen Rosenzweig mit drei Blüten hält, ist am Schalldeckel der Kanzel, an der Emporenbrüstung und (in Sandstein) über dem Eingangsportal zu finden.
[13] Franz Ludwig Hermann oder Herrmann (1723–1791), geb. in Ettal als Sohn von Franz Georg Hermann aus Kempten. Er wird von Bernhard II. Rusconi OSB, Abt von Rheinau bei Schaffhausen von 1744 bis 1753, 1749 als Freskant und Maler für die neue Schlosskapelle in Mammern am Untersee und 1750 für Altarblätter der Klosterkirche Rheinau beigezogen. Es sind die ersten bekannten Werke des jungen Malers. Die enge Verbindung der beiden Klöster Rheinau und Petershausen ist mit der feierlichen Benediktion des 1744 gewählten Rheinauer Abtes durch den Konstanzer Weihbischof Fugger in der Klosterkirche Petershausen und durch eine am 29. November 1749 in Konstanz geschlossene Vereinbarung der beiden Klöster dokumentiert. Sie lässt vermuten, dass Abt Michael Sauter den Maler und seine Werke durch Kontakte mit Rheinau kennt. Vielleicht lernt er auch die Altarblätter Hermanns in Rheinau kennen.
Zu Franz Ludwig Hermann siehe Hermann_Franz_Ludwig.html.
[14] Dominikus Hermenegild Herberger (1694–1760) aus Legau. Vorerst in Ochsenhausen, dann 1750/51 in Meersburg und anschliessend in Immenstaad wohnhaft. Er ist mit den Bildhauern Anton Sturm in Füssen und Aegid Verhelst in Augsburg befreundet und arbeitet auch mit ihnen zusammen. Für sein Hauptwerk, die Allegorien im Bibliotheksaal von Wiblingen (1745) nimmt er die Allegorien von Aegid Verhelst in Kempten zum Vorbild (siehe dazu Verhelst_Aegid.html).
Die Zuschreibung durch Andreas Wieser erfolgt vor allem aufgrund der Arbeiten Herbergers 1746–1747 in Reinstetten bei Ochsenhausen. In der Biografie Herbergers von Adolf Schahl (1980) fehlt Hilzingen in der Werkliste der Zuschreibungen, was aber auch heissen kann, dass er in Unkenntnis der Seitenaltar-Figuralplastik von Hilzingen auf eine Aufnahme verzichtet hat (der Autor ist 1982 verstorben). Mehr zu Dominikus Hermenegild Herberger siehe unter Herberger_Dominikus.html.
Die Zuschreibung an Herberger weist auf die Tatsache hin, dass wegen fehlender Quellen die Holzbildhauer vieler spätbarocken Werke unbekannt bleiben. Der Kunsthistoriker Adolf Schahl führt im Werkverzeichnis Herbergers 65 Werke auf. 43 dieser Werke sind schon bei Schahl Zuschreibungen. Mit Sicherheit hat aber Herberger bedeutend mehr Werke geschaffen.
[15] Johann Michael Bühler (1697–1765) ist ein wichtiger, aber kaum erforschter Orgelbauer der Bodensee- und Hochrheinregion. Noch zeugen viele Orgelprospekte von seiner umfangreichen Tätigkeit, am eindrücklichsten ist derjenige der ehemaligen Abteikirche Isny im Allgäu. Mit überzeugenden Argumenten kann Andreas Wieser (2023) die Orgel, deren Prospekt unverändert erhalten ist, Johann Michael Bühler zuweisen. Zu Bühler und seinen Werken siehe: Buehler_Johann_Michael.html. Dort ist in Anmerkung 4 auch der Hinweis über die Prospektgestaltungen als Werk des Orgelbauers und den immer beteiligten, aber meist ungenannten Bildschnitzer und Fassmaler.
[16] Johann Jakob Hofner oder Hoffner (um 1710–1790) aus Konstanz. Zu ihm siehe die Biografie unter Hofner_Johann_Jakob.html. Die Zuschreibung an den bedeutendsten regionalen Kunstschlosser der Régence und des Rokoko durch Andreas Wieser in Hilzingen erfolgt aufgrund von überzeugenden Detailvergleichen.
[17] Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774–1860), Generalvikar des Bistums Konstanz bis 1814. Seine 1822 erfolgte Wahl zum Bischof von Freiburg wird anschliessend vom päpstlichen Nuntius verhindert. Er ist Urheber des Wallfahrtsverbotes von 1809 und damit in der Folge auch verantwortlich für die Schliessung der Birnau bis 1919. Er ist zudem Gegner von Deckenbildern in Kirchen. Seine rigorose Ablehnung des Rokoko in Kirchenräumen teilt er mit vielen anderen aufgeklärten Zeitgenossen. Das Rokoko wird damals als Zopfstil verspottet. Im «Herder Conversations-Lexikon» 1857 kann unter «Zopf» gelesen werden: «Z. zeit d. h. geschmacklose Zeit, das vorige Jahrhundert; Z styl d. h. geschmackloser Styl in der Kunst».
[18] Der Maler ist Karl Friedrich Pollikeit (1811–1888) mit Werkstatt in Randegg. Er wirkt auch als Vergolder und Restaurator. Seine Verbesserungen, zu dieser Zeit nazarenisch (rückwärts zur Renaissance des 15. Jahrhunderts gewandt), werden schon Anfang des 20. Jahrhunderts rückgängig gemacht. Auch das Deckengemälde der Apostelkommunion im Chor erfährt um diese Zeit (1830, 1853 oder vielleicht doch eher 1885) eine teilweise irreversible Übermalung.
[19] Cornelius Gustav Gurlitt (1850–1938) aus Nischwitz ist der wichtigste Kunsthistoriker für die Neubewertung von Barock und Rokoko. Bahnbrechend ist sein Werk «Geschichte des Barockstiles und des Rococo» (1889). Er veröffentlicht 1921 auch ein Handbuch für «Die Pflege der kirchlichen Kunstdenkmäler».
[20] Dr. Franz Xaver Kraus im ersten Band der Kunstdenkmäler des Grossherzogtums Baden (1897). Die bewusste Zurückstellung aller Sakralbauwerke des Spätbarocks und Rokoko (auch er nennt das Rokoko «Zopf») ist allerdings in allen Inventarisationsbänden vor 1900 feststellbar. Der «zopfigen» Birnau widmet Kraus nur wenig mehr Aufmerksamkeit als Hilzingen, obwohl er sie «wirkungsvoll im Aufbau, wohlverstanden in der Gruppierung und schön in der Umrisslinie» beschreibst und ihr dann trotz der «zopfigen» Stilformen einen grossen Reiz nicht abspricht.
[21] Joseph Sauer (1872–1949) aus Unzhurst in Baden, Theologe und Kunsthistoriker, seit 1909 Konservator der kirchlichen Denkmäler Badens. Zu ihm siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Sauer_(Theologe,_1872)
[22] Otto Haberer (1866–1941) aus Ludwigsburg bei Stuttgart, ein vielseitig begabter Dekorationsmaler, ist 1891–1941 in der Schweiz als Otto Haberer-Sinner tätig. Neben der Kirchenmalerei schafft er sich vor allem als Hotel- und Kinodekorateur der «Belle Epoque» einen Namen. Er wird auch für Restaurierungen (= Rekonstruktionen in der Art von Neuschöpfungen) alter Fresken beigezogen, etwa für die gotische Wandfresken in der Münstervorhalle Bern 1896 oder für die rokokohafte Neuinterpretation der Deckenfresken im glarnerischen Näfels 1914. Zu Otto Haberer siehe hls-dhs-dss.ch/de/.
[23] Ambo und Zelebrationsaltar in gestapelten Rotmarmorplatten, Sedilien weiss. Bildhauer Peter Sandbichler, Wien.
[24] Bernhard Schütz (1941–2023), der bayerische Architekturhistoriker-Papst, nennt 2000 den Bautypus dieser Saalkirchen «Die Bauweise mit geschichteten Reliefwänden» (was der geneigte Leser auch immer darunter verstehen mag), und schreibt, dass die Bauweise im Longitudinalbau nur zwei Kirchen von Rang hervorgebracht habe: Die Wallfahrtskirche Birnau und die Asamkirche St. Johann Nepomuk in München.
[25] Johann Jakob Herkomer (1652–1717) baut die Stiftskirche in Füssen 1701–1717 und die Stiftskirche in Fultenbach bei Dillingen 1716–1723 (1812 abgebrochen). Sein Schüler Johann Georg Fischer (1673–1747) baut die Stadtpfarrkirche St. Jakob in Innsbruck 1717–1723. Das Langhaus dieser Kirchen ist dreijochig, das vorderste Joch jeweils querschiffartig ausgeweitet. Es sind Wandpfeilerhallen mit überkuppelten Rund- oder Ovalgewölben. Die Stadtpfarrkirche Innsbruck ist vermutlich noch von Herkomer für Massivgewölbe entworfen, dann aber von Fischer mit Gipslatten-Stuckgewölben ausgeführt. Weil Wandpfeiler mit der Gewölbespannweite von 13 Meter aber nur bei Massivgewölben notwendig sind, hält sich Fischer an den Herkomer-Entwurf.
[26] St. Martin in Garmisch wird von Joseph Schmuzer 1730–1734 gebaut. Die Dorfkirche hat wie Hilzingen einen Frontturm und ein Querhaus-Joch im vorderen Teil des Langhauses. Die Tiefe der Querhausausbuchtung ist allerdings derart gross, dass die entsprechenden Altäre nicht mehr zur Wirkung kommen.
[27] St. Peter und Paul in Oberammergau wird von Joseph Schmuzer 1737–1741 gebaut. Trotz des gleichen Bauschemas kann aber eine gegenseitige Beeinflussung ausgeschlossen werden.
[28] Bei der Stadtpfarrkirche von Tiengen sollte Thumb ein Projekt des Vorarlbergers Johann Michael Beer von Bildstein übernehmen, das sich aber mit den vom Bauherrn verlangten Massivgewölben als nicht ausführbar herausstellt. Der von Peter Thumb daraufhin geplante und gebaute Bau ist eine dreijochige Wandpfeilerhalle, deren mittlere Joche sanft gerundet ausschwingen. Eine Ähnlichkeit mit der von seinem Schwiegervater Peter Thumb 1712/16 erbauten Konviktskirche von Ehingen, vor allem aber mit dem Projekt seines Schwagers Johann Michael Beer von Bleichten in Lindau (1729) ist unübersehbar. Die Entstehung der Kirche von Tiengen zeigt deutlich, dass jeder Bauwerksentwurf Prämissen hat, welche viele Kunsthistoriker kaum je beachten. Dies belegen die meisten Baubeschriebe, bei welchen weder auf die Konstruktion der Gewölbe noch auf den ebenso wichtigen Dachstuhl eingegangen wird.
[29] Die wenigen dokumentierten Kirchendachstühle von Peter Thumb sind zweistöckige liegende Stühle mit durchgehender Zerrbalkenlage und mit Hängewerk, in seiner Kirche Lachen am Zürichsee (1707/11) und in der Wallfahrtskirche Birnau (1746/51) mit zweifachem Hängewerk. Wie bei den meisten Hängewerken des 18. Jahrhunderts sind bei diesen beiden Bauwerken die Zerrbalken an einen Längsüberzug mit Eisen aufgehängt, während sie in Hilzingen auf einem Längsunterzug aufliegen.
[30] Thumb wendet dieses einfache, aber überzeugende (und kostengünstige) Gliederungssystem an den Aussenfassaden immer an. Hans Peter Gubler schreibt dazu «Thumb steigert dieses Bändersystem zu starker Wirkung, indem er seine Plastizität erhöht, Teile farblich differenziert…» und: «Das ausgewogene Gleichgewicht der Vertikal- und Horizontalgliederung erscheint von Bau zu Bau prononcierter vorgetragen und birgt die Tendenz zur Verselbständigung in sich. Die farblich neutral gehaltene Wand, in keinem Fall durch Fensterrahmungen aktiviert, tritt gegenüber den Putzbändern zurück: Es entsteht eine klare Schichtung.» Einzige Ausnahme bildet die Wallfahrtskirche Birnau, wo er unter Druck des Salemer Prälaten und in Zusammenarbeit mit Joseph Anton Feuchtmayer die Lisenen mit Pilastern bereichern muss. Nur bei den Doppelturm-Fassaden von St. Peter und Frauenalb (die Kunstgeschichte versteht unter «Fassade» nur die mittlere Eingangsfassade) gliedert er auch mit Pilastern.
[31] Bei Restaurierungen von bestehenden verputzten Fassaden kann Kalkfarbe in alter Technik nicht angewendet werden. Die Verwendung von 2K-Silikatfarben (Keim Purkristalat) als Ersatz kommt der alten Technologie nahe, hat aber den Nachteil, dass das Lasierende der Kalkfarbe verloren gehen kann. In Hilzingen ist trotz Verwendung von Silikatfarben die Angleichung gelungen. Die Wallfahrtskirche Birnau, die offenbar nach dem Vorbild von Hilzingen 2004 (aber ohne Befund) neu gestrichen worden ist, zeigt das Problem deutlich: Die kräftige Farbigkeit ihrer roten Flächen wäre mit den in der Barockzeit zur Verfügung stehenden Pigmenten kaum erreicht worden. Vor allem das Rot-Pigment Hämatit ist damals derart teuer, dass für Flächen nur eine sanfte Tönung möglich ist. Mehr zu den Rotpigmenten des 18. Jahrhunderts siehe unter Glossar.html#BuchstabeR (Rotocker, Siena gebrannt).
[32] Die Saalkirche von Mengen zeigt auf dem Plan im Porträt von Abt Alphons, ebenso auf der Zeichnung des Sohnes von Peter Thumb deutlich das Putzbandsystem in Rotocker. Die Saalkirche St. Margarethen in Waldkirch wird 1828 mit weissen Wandflächen und «rosenroten» Lisenen beschrieben, (Hämatit? Ihre heutigen kräftig-roten Rahmungen wären mit Kalkpigmenten aber nicht möglich).
[33] Die Farbfassungen der Stuckaturen Gigls sind nur selten original erhalten (Ausnahme: Ittingen bei Frauenfeld). Goldhöhungen von Rokokostuckaturen sind in Pfarrkirchen Südwestdeutschlands und der Schweiz fast immer nachträgliche Verschönerungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Ob die Goldhöhungen der Stuckaturen in der Bibliothek von St. Peter im Schwarzwald auch dazu zählen? Ausser in Hilzingen sind an Stuckaturen Gigls in Kirchenräumen keine Goldfassungen vorhanden. Sie könnten hier schon aus der Renovation von 1911/12 stammen, scheinen aber erst um 1960 aufgebracht worden sein. «Im Rahmen der grossen Innenrenovation 1959/62 wurde die Leimfarbe von Wänden und Decken abgewaschen, die Stuckaturen dadurch freigelegt und alles mit Kalkfarbe unter Zusatz von Sand und Öl gestrichen» und: «Alle Deckengemälde wurden gereinigt, die Stuckrahmen gefasst und teilweise vergoldet.» schreibt Andreas Wieser 2023, und teilt auch mit «die punktuelle Abnahme des Kalkanstrichs der Kapitelle zeigte, dass diese ursprünglich weiss hochglanzpoliert waren.»
[34] Zur Iconologia von Cesare Ripa (1560–1645), gehe zu www.e-rara.ch/zuz/content/titleinfo/10902886. Die Vorgaben dieses Standardwerkes (Ausgabe 1603) werden in den Hilzinger-Allegorien nur rudimentär übernommen. Der Vergleich mit Ripa lohnt sich aber immer.
[35] Die jüngste Restaurierung der Kirche hat die Vorgaben der modernen Denkmalpflege beherzigt, aus der «Grossmutter» kein «junges Mädchen» zu machen, wie dies Jürg Ganz in der Publikation zur Restaurierungsgeschichte der Kartause Ittingen (2002) schreibt. Am Hochaltarretabel in Ittingen, einer Arbeit der Gigl-Werkstatt von 1764, ist der gealterte, aber anlässlich der ersten Restaurierung (Abschluss 1982) nicht überarbeitete Stuckmarmoraufbau original erhalten. Der Stuckmarmor in Ittingen ist in der Farbgebung mit Hilzingen verwandt.
[36] Der Begriff des Auszugs (früher: Aufsatz, Obstück) wird von der Kunsthistorik, die sich mit Beschrieben der Altararchitektur sehr schwertut, für alles verwendet, was oberhalb des Gebälks liegt. Beim Altar in Hilzingen kann man darin sogar noch einen Sinn sehen, denn der Mittelteil des Altarblattes wird tatsächlich nach oben «ausgezogen», von dem über den Säulen ausgeprägt auskragenden Gesims des Gebälks ist nur die aufgebogene, flache Verbindung über dem Altarblatt verblieben.
[37] In St. Georgen bei Diessen am Ammersee ist 1767/68 Thassilo Zöpf (1723–1807) aus Wessobrunn Altarbauer. Er ist Schüler des in Bayern, Schwaben und Franken tätigen Stuckateurs und Altarbauers der Rokokozeit Johann Michael Feichtmayr (1710–1772). Die Ähnlichkeit der Rokoko-Seitenaltäre von Thassilo Zöpf mit denen von Johann Georg Gigl zeigt, dass die Wessobrunner sich bei ihren Heimataufenthalten austauschen und auch die Werke ihrer Zeitgenossen kennen.
[38] Nur für die Altäre ist Johann Georg Gigl in Hilzingen gesichert. Der Vergleich mit seiner Kanzel in Niederbüren (1762) weist Ähnlichkeiten auf. Generell zeigen aber die eher seltenen Stuckmarmor-Kanzeln der Jahrhundertmitte im Bodenseegebiet ähnliche Merkmale:
1. Der Korb ist flächig, eher zylindrisch und nur unten gebaucht, bei Joseph Anton Feuchtmayer in den Pfarrkirchen Merdingen (1740), Scheer (1748) und in der Wallfahrtskirche Birnau (1748/50) sogar ohne Segmentgliederung.
2. Ihr Treppenaufgang hat geschlossene Stuckmarmorseiten (Ausnahme Hilzingen!).
3. Auf dem eher flachen Schalldeckel (Ausnahme Niederbüren: kurvierter Schalldeckel) ist eine reiche Figuralplastik angebracht.
Diese Eigenschaften gelten auch für die Kanzel der Pfarrkirche Sarnen (1742) und für die Kanzel des Holzbildhauers und Stuckateurs Johann Jakob Willibald Ruez aus Wurzach in Isny (1760). Anders als Feuchtmayer wäre Ruez auch für die Kanzel in Hilzingen prädestiniert. Die Stuck-Putti in Hilzingen deuten aber eher auf Gigl.
[39] Kondukte sind bei mechanischer Traktur die Rohrverbindungen der einzelnen Prospektpfeifen, welche nicht auf der Windlade stehen.
[40] Gambs nimmt auch Anregungen aus einer Apostelkommunion von Franz Anton Erlers in Kisslegg. Für das «Pasticcio» der Apostelkommunion in Hilzingen könnte Gambs zudem den Stich des Altarblattes von Giambattista Pittoni (um 1735 in der Pfarrkirche von Leno in der Lombardei), der in der Personengruppierung Ähnlichkeiten zeigt, zu Rate gezogen haben. Derart malt noch 1782 Cristofero Unterperger für den Dom von Jesi (Ancona) ein Altarblatt.
[41] Die Gestik der überraschten Jünger und die ausgebreiteten Arme der himmelfahrenden und von Engeln getragenen Muttergottes ist seit Rubens (1614) von vielen bekannten Malern übernommen worden, so 1735 vom Venezianer Giambattista Piazzetta als Altarblatt der Frankfurter Deutschordenskirche für den Kölner Kurfürsten Clemens August, das sich heute im Louvre befindet. Das Frankfurter Gemälde wird schnell im Druck verbreitet. Es ist 1745 Vorbild von Johann Jakob Zeiller für den Hochaltar in Fürstenzell und regt nun auch Gambs für seine Komposition an.
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Die vorbarocke Einturmfassade
Als Einturmfassade oder Einturmfront bezeichnet man den axial in eine Eingangsfront integrierten Turm (clocher porche) eines Sakralbaus. Nur Türme in einer Eingangszone fallen unter diesen Begriff. Die Einturmfassade ist ein nordischer Bautyp, in der Spätgotik vor allem bei den grossen Bürgerkirchen und Kathedralen beliebt.[1] Sie erreicht aber selbst in dieser Blütezeit nördlich der Alpen nie die Verbreitung der Doppelturmfassaden. In Italien sind Türme in der Eingangszone zur gleichen Zeit eine absolute Seltenheit.
Erst um die Jahrhundertwende wird das Thema von axialen Türmen in der Eingangsfassade und ihre integrative Verschmelzung mit der Fassade wieder aufgenommen. Einen Startschuss setzt Antonio Petrini[2] 1696 mit dem Turm der Universitätskirche Würzburg. Nun breiten sich Einturmfassaden vor allem in Süddeutschland und Niederösterreich stark aus. Sie zeigen schnell verschiedene Ausprägungen.
| Die Einturmfassade im Barock Noch im süddeutschen Barock des 17. Jahrhunderts ist die Doppelturmfassade bei wichtigen Sakralbauten die verbreitete Bauform. Für die barocke Einturmfassade setzt die Hof- oder Jesuitenkirche von Neuburg an der Donau ein erstes machtvolles Zeichen. Sie wird, vermutlich noch nach einem Entwurf von Joseph Heintz (1564–1607), vom Misoxer Baumeister Hans Alberthal 1624–1627 gebaut. Der Turm ist hier in eine dreiteilige Risalitfassade vollständig integriert. Die Einturmfassade von St. Paul in Passau wird 1667–1678 nach dem Stadtbrand wiederaufgebaut. Sie übernimmt aber mit ihrer fünftteiligen Fassade und dem axialen Turm vermutlich die Vorgaben des Vorgängerbauwerks. Erst um die Jahrhundertwende wird das Thema von axialen Türmen in der Eingangsfassade und ihre integrative Verschmelzung mit der Fassade wieder aufgenommen. |
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| 1624/27 Jesuitenkirche Neuburg an der Donau. Foto: Bieri 2017. |
1667/78 St. Paul in Passau. Foto: Gras-Ober 2014. |
1696 Neubaukirche in Würzburg. Foto: Bieri 2018. |
| Typus | Im Text oder im Bild erwähnte Orte | |
| A | Der Turm steht als gestalterisch ungebundener Körper axial in voller Tiefe der Fassade vor. | Universitätskirche Würzburg 1696, Schuttern 1722. |
| B1 | Der Turm steht der Fassade vor. Ihre Gliederung wird übernommen. | St. Paul Passau 1667, Ursulinen Neuburg 1699, Ensdorf 1711, Merdingen 1738, Hilzingen 1747. |
| B2 |
Der Turm steht der dreiteiligen Fassade vor, ist aber abgestuft oder gekehlt mit ihr verbunden. Das Fassadenmodell wird auf den Turm übertragen. | Hofkirche Neuburg 1624, Friesenhausen 1713, Theres 1716, Etwashausen 1741, Riegel 1743, St. Paulin Trier 1743, Mundelfingen 1751. |
| B3 | Der Turm ist kaum vorstehend, aber durch seine Gliederungen als selbständiger, vertikaler Körper betont. | Obermedlingen 1709, (Birnau 1746), Engelszell 1754. |
| C1 | Der Turm wächst optisch hinter der dreiteiligen Fassade heraus, ist aber in die Fassadenarchitektur eingebunden. | Zwettl 1723, Wiesentheid 1727, Maria Steinbach um 1755/60, Rastatt 1756, Altomünster 1768. |
| C2 | Der Turm wächst in den Obergeschossen hinter der dreiteiligen Fassade ohne Bezug zu dieser heraus. | Schäftlarn 1751. |
Beispiele von Einturmfassaden der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
| Barocke Einturmfassaden des Vorarlbergers Valerian Brenner Eine der ersten Einturmfassaden baut Valerian Brenner[3] 1699–1701 für die Ursulinenkirche in Neuburg an der Donau. Völlig anders als die Einturmfassade der nahen Hofkirche betont er den schlanken Mittelturm durch seine vertikale Freistellung als selbständigen Körper, integriert in die dreiteilige Fassade mit deren Pilaster- und Gebälkgliederung. Sie nimmt vor allem die späteren Fassaden von Peter Thumb vorweg. Völlig anders gestaltet Brenner 1709–1717 die Einturmfassade der Dominikaner-Klosterkirche Obermedlingen bei Dillingen an der Donau. Der 73 Meter hohe Frontturm steht hier nur um Pilasterbreite der dreigeteilten, in jeder Hinsicht unakademisch und einzigartig gestalteten Fassade vor. |
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| Ursulinenkirche Neuburg an der Donau (Foto: Bieri 2008) und Dominkanerkirche Obermedlingen (Foto: Ikü 2025) | |||||
| Barocke Einturmfassaden des Vorarlbergers Joseph Greissing und ihre Nachfolge in Franken Der in Oberfranken wirkende Vorarlberger Joseph Greissing[4] ist 1713 Baumeister der Schlosskirche Friesenhausen in Unterfranken, der ersten barocken Einturmfassade in Mainfranken. Er setzt damit den Grundstein einer fränkischen Tradition von Einturmfassaden, die vom ersten Moment an eine erstaunliche architektonische Qualität aufweisen. 1716–1721 baut er die Einturmfassade der Stiftskirche Theres in Obertheres am Main. Der Turm steht einer dreiteiligen und zweigeschossigen Fassade mit Attika vor, verbindet sich abgestuft nach hinten und bildet mit seinem dritten Geschoss auch den Giebel mit den seitlichen Anschwüngen. Die stark vom klassischen französischen Barock geprägte Fassade hat im fränkischen Raum grosse Nachwirkungen, so auf Johann Georg Seitz[5] (Wiesentheid 1727/32) und den Greissing-Schüler Balthasar Neumann[6] (Kitzingen-Etwashausen 1741 und St. Paulin in Trier 1744). |
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| 1. Klosterkirche Theres. Fassadenplan Greissing 1716. 2. Mauritiuskirche Wiesentheid 1728/32. Foto: Bieri 2013. 3. Kreuzkapelle in Kitzingen-Etwashausen 1741. Foto: Bieri 2013. 4. Kirche St. Paulin in Trier 1744. Foto: Berthold Werner 2018. |
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| Einturmfassaden des Vorarlbergers Peter Thumb Peter Thumb[7] setzt sich in den 1730er-Jahren als einziger Vorarlberger Baumeister intensiver mit dem Typus auseinander. Ihm wird schon 1722 der Bau des axial vor der Stiftskirche Schuttern stehenden Eingangsturm zugeschrieben. Die Einturmfassade von Hilzingen im Hegau baut er 1747/50 noch im Typus des von der Fassade abgesetzten Turms. Sein gleichzeitig gebauter Turm der Wallfahrtskirche Birnau entzieht sich mit der Einbindung in die Annexbauten einem Typenvergleich. Thumb scheint aber vor dem Bau seiner Einturmfassade in Mundelfingen im Schwarzwald (1750/51) Einflüsse aus der Ortenau verarbeitet zu haben. Er hält sich 1738 in Rastatt und 1740 in Bruchsal auf. Kontakte mit dem Neumann-Schüler Franz Ignaz Krohmer[8] sind zwar möglich. Eher aber dürfte er die Saalkirche des Breisgauer Liebhaberarchitekten Franz Rudhart[9] in Riegel am Kaiserstuhl gekannt haben. In ihr arbeiten 1743 Johann Georg Gigl und Benedikt Gambs, beide auch in Kirchen von Thumb tätig. |
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| Klosterkirche Schuttern 1722. Foto: Bieri 2008. |
Pfarrkirche Riegel 1743. Foto: Subass 1 2022 in Wikipedia. |
Pfarrkirche Hilzingen 1747/51. Foto: Erwin Reiter 2024. Arch.-Büro Wieser. |
Wallfahrtskirche Birnau 1746/51. Foto: Bieri 2009. |
Pfarrkirche Mundelfingen 1750. Foto: H. Zell in Wikipedia 2020. |
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| Wichtige barocke Einturmfassaden von anderen Baumeistern Die Fassade von Riegel am Kaiserstuhl von Franz Rudhart und diejenige von Sankt Paulin in Trier von Balthasar Neumann sind gleichzeitig um 1743/44 entstanden. Beide Türme sind seitlich in die vorschwingende Fassade übergeführt, die Fassade Neumanns etwas disziplinierter und akademischer, diejenige Rudharts freier und gelöster. Eine Kenntnis Rudharts von St. Paulin in Trier kann ausgeschlossen werden. In der Literatur wird der Baumeister Johann Caspar Bagnato[10] als Vorbild Rudharts genannt. Dies trifft für die Turmfassade Riegel nicht zu. Bei der einzigen Einturmfassade Bagnatos, diejenige der 1738 gebauten Kirche Merdingen im Breisgau, ist der Turm hart der Fassade vorgesetzt. Interessanterweise baut aber auch Rudhart 1752/54 in Herbolzheim und 1754/56 in Niederschopfheim wieder Einturmfassaden ohne Kurvierungen. Die gleichzeitige Ausführung der Werke Neumanns und Rudharts zeigt aber, dass um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Einbindung des Turms in die bewegte und kurvierte Fassade zum Allgemeingut wird. Die frühen Beispiele dieser kurvierten Einturmfassaden sind in Niederösterreich zu finden. Matthias Steinl[11] und Joseph Munggenast[12] rrichten ab 1722 die Einturmfassade der Stiftskirche Zwettl in Niederösterreich mit einem 82 Meter hohen Turm. Noch früher soll die Fassade der Pfarr- und Schlosskirche von Laxenburg durch Matthias Steinl gebaut worden sein. In Oberösterreich ist an der Stiftskirche Engelszell bei Schärding am Inn eine der ausgewogensten Einturmfassaden zu sehen, bei der der Turm aus der Eingangsädikula herauswächst (1754–1763, der Planer ist unbekannt). Eine der unkonventionellen derartigen Fassaden ist diejenige der Wallfahrtskirche Maria Steinbach an der Iller, die um 1760 nach Plänen eines Paters und Liebhaberarchitekten aus Rot an der Rot gebaut wird. Während diese spätbarocken kurvierten Fassaden alle dreigeteilt sind, baut 1756-1764 Johann Peter Ernst Rohrer[13] die Einturmfassade der Stadtpfarrkirche von Rastatt mit dem Mittelturm in einer fünfteiligen Fassade. |
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| Pfarrkirche Merdingen 1738. Foto: Mattana 2007. |
Stiftskirche Zwettl NÖ 1722. Foto: Uoaei1 2014 |
Wallfahrtskirche M- Steinbach um 1760. Foto: Bieri 2016 |
Stiftskirche Engelszell OÖ 1754. F.:Wolfgang Sauber |
Stadtpfarrkirche Rastatt 1756/64. F: M. Dürrschnabel |
Klosterkirche Schaeftlarn BY 1710/12. F: H. Helmlechner 2022. |
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Zusammenfassung
Einturmfassaden an grösseren Sakralbauten des Barock sind fast auschliesslich Werke des 18. Jahrhunderts, mit Verbreitung in Südwestdeutschland, Franken und Österreich. In Altbayern ist der Typus weniger verbreitet. Die bekannte Turmfassade der Klosterkirche Schäftlarn in Oberbayern, 1710/12 von Viscardi gebaut, ist zudem ein Beispiel einer Fassade vom Typus C2 (der Turm ist hinter die Fassade gestellt).
Die vorliegende Beispiel-Zusammenstellung kann keine vollständige Übersicht bieten, obwohl der Typus gegenüber der barocken Doppelturmfassade, vor allem aber gegenüber von Türmen an anderer Stelle (seitlich der Fassaden, an Chorflanken, am Chorhaupt) in absoluter Minderheit ist. Die chronologische Einordung ist zudem ungenau, weil die Kunstgeschichte sich selten für das Baujahr der Fassade interessiert. Vielfach wird diese erst am Schluss der Bauzeit erstellt. Türme an der Eingangsfassade sind auch deshalb selten, weil bei vielen barocken Neubauten der bestehende Turm aus Kostengründen lediglich mit Obergeschossen versehen werden darf, oder, wie im Fall der Stiftskirche Rheinau bei Schaffhausen, als rechter Turm der neuen Doppelturmfassade dient
Pius Bieri 2025
| Weiterführende Literatur |
| Oechslin, Werner (Hrsg.): Die Vorarlberger Barockbaumeister. Ausstellungskatalog Einsiedeln 1973. |
| Mack, Johannes: Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing. Würzburg 2008. |
Anmerkungen
[1] Beispiele: Die Münster in Strassburg, Freiburg im Breisgau, Freiburg im Üechtland, Bern und Ulm.
[2] Antonio Petrini (1623–1701). Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Petrini_Antonio.html.
[3] Valerian Brenner (1652–1715). Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenner_Valerian.html.
[4] Joseph Greissing (1664–1721) ist als Baumeister in Franken tätig. Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch. Zur Stiftskirche Theres siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/h-r/Obertheres.html.
[5] Johann Georg Seitz (1682–1739), zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Seitz_Johann_Georg.html. Sein Sohn Johannes Seitz ist Schüler von Balthasar Neumann.
[6] Balthasar Neumann (1687–1753), zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Neumann_Balthasar.html.
[7] Peter Thumb (1681–1766). Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Thumb_Peter.html. Sein Lehrmeister Franz Beer errichtet zwar 1709–1716 in Münsterlingen am Bodensee eine Einturmfassade (Typus B1), die aber wenig gestalterischen Effort zeigt.
[8] Franz Ignaz Krohmer (1714–1789), ist 1733–1740 Zeichner im Baubüro des Balthasar Neumann in Würzburg, aber gleichzeitig Baden-Badischer Hof-Ingenieur. 1745 wird er Mitarbeiter des Hofbaumeisters Johann Peter Ernst Rohrer, dem jüngeren Bruder Johann Michael Ludwigs und dessen Nachfolger als Hofbaumeister in Rastatt. Er ist 1748 Planer der Kirche St. Michael in Appenweier (Stuckateur ist Johannes Schütz, Maler Benedikt Gambs).
[9] Franz Rudhart, auch Ruedhardt (1708–1765) aus Kleinweiler bei Isny im Allgäu ist ursprünglich Schreinermeister und betätigt sich nach seiner Einbürgerung 1741 in Kinzingen als Liebhaberarchitekt beim Bau der Kirchen in Riegel, Herbolzheim und Niederschopfheim. Seine Einturmfassaden sind eher von fränkischen Vorbildern als den Bauwerken des Deutschordensbaumeisters Johann Caspar Bagnato geprägt. Dessen Pfarrkirche in breisgauischen Merdingen (1738/41) zeigt eine Einturmfassade vom Typus B1.
[10] Johann Caspar Bagnato (1696–1757), zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Bagnato_Johann_Caspar.html.
[11] Matthias Steinl oder Steindl (1644–1727). Er wird auch für die Einturmfassade der Pfarrkirche Laxenburg in Niederösterreich genannt, deren Erbauungsjahre allerdings nicht erforscht sind.
Zu ihm siehe https://www.deutsche-biographie.de/sfz69028.html#ndbcontent.
[12] Joseph Munggenast (1680–1741). Zu ihm siehe https://www.deutsche-biographie.de/sfz67319.html#ndbcontent.
[13] Johann Peter Ernst Rohrer (1687–1762). Zu ihm siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Peter_Ernst_Rohrer.
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| Legende | ||||||||||||||||||||||
| A | Deckenbilder in Langhaus und Chor | |||||||||||||||||||||
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| 1 | Glorie des Klosters Stein am Rhein Verlegung des Klosters St. Georgen auf dem Hohentwiel 1005 nach Stein am Rhein. Personen: Die Stifterin Herzogin Hadwig von Schwaben († 994) mit dem Kirchenmodell, Kaiser Heinrich II. (†1024), mit den Patronen des Klosters, dem hl. Cyrill von Gortyna und dem hl. Georg mit dem Drachen. Bildüberarbeitung 1912 durch Otto Haberer. |
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| 2 | Glorie des hl. Benedikt (Glorie des Klosters Petershausen) Der hl. Benedikt mit seiner Schwester Scholastika im Kreis von Heiligen des Benediktinerordens, darüber die Dreifaltigkeit, unten der Sturz der Häretiker durch den Erzengel Michael mit dem Flammenschwert. Die begleitenden Zwickelbilder (O4, W4, O5, W5) sind die vier Erdteile, die dem Heiligenhimmel huldigen. |
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| 3 | Ildefons von Toledo Der hl. Ildefons von Toledo (†667) ist Namenspatron des Abtes Alphons von Petershausen, dem Bauherrn der Kirche Hilzingen. Im Bild empfängt Ildefons als Benediktinerabt die Kasel (Messgewand) aus der Hand Mariens als Belohnung für seine Schrift: «Über die Jungfrauschaft der Gottesmutter». |
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| 4 | Apostelkommunion Der in der Mitte stehende Jesus teilt die Hostie an seine Jünger aus. Die Darstellung des auf erhöhtem Podest stehenden Christus und dem davor knieenden Apostel in der Gruppe der weiteren Apostel ist seit der Renaissance ein beliebtes Thema für Altarblätter und auch durch Stiche verbreitet.[40] |
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| Zwickelbilder im Langhaus. Paarweiser Beschrieb beginnend von der nördlichen Eingangsseite zum Chor. |
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B |
Hintere Joche mit Allegorien der Tugenden | |||||||||||||||||||||
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| O1 | Vigilantia (Wachsamkeit). Ikonografie: Frau mit einem Buch in der linken Hand, in der anderen eine Öllampe, zu ihren Füssen ein Kranich, der einen Stein hält. |
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| W1 | Liberalitas (Freigiebigkeit). Ikonografie: Frau, mit dem rechten Arm nach oben zeigend, mit der linken Hand leert sie ein Füllhorn mit Münzen. |
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| O2 | Caritas proximi (Nächstenliebe). Ikonografie: Frau in rotem Kleid, mit drei Kindern, eines an ihrer Brust, ein weiteres hält ein brennendes Herz empor. |
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| W2 | Caritas Dei (Gottesliebe). Ikonografie: Betende Frau mit rotgoldenem Überwurf, das Gesicht zum Himmel erhoben. Sie ist von einem Putto mit Rauchfass begleitet. |
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| O3 | Fides (Glaube). Ikonografie: Eine sitzende Frau mit graublauem Schleier lehnt ein grosses lateinisches Kreuz in ihre linke Armbeuge, mit der Hand hält sie einen Kelch mit Hostie. Zwei Putti sind zu Füssen der Frau, das Kreuz wird unten von einem Putto gehalten, ein weiterer Putto betet. |
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| W3 | Spes (Hoffnung). Ikonografie: Eine sitzende Frau im grünen Gewand mit rotem Überwurf. Sie hat das Gesicht und die linke Hand zum Himmel erhoben und hält mit der rechten Hand einen grossen Anker. Zwei Putti tragen gemeinsam eine Lilie. |
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| C | Mittlere Joche mit Erdteilallegorien | |||||||||||||||||||||
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| O4 | Afrika. Die Personifikation des Erdteils ist eine dunkelhäutige, barbusige Frau in weissem Kleid. Sie trägt einen Kopfschmuck aus Straussenfedern und zeigt mit der rechten Hand nach oben zum Mittelbild. In der linken Hand trägt sie einen Elefanten-Stosszahn. Ein schwarzes Kind hält einen Sonnenschirm aus weissen Federn. Ein zweites hält einen Reiher. Das dritte präsentiert einen Kessel mit Schlangen und Basilik. |
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| W4 | Amerika. Eine dunkelhäutige, knieende Frau in weissem Kleid mit braunem Lederüberwurf symbolisiert den Erdteil. Sie trägt einen Kopfschmuck aus Federn einer Papageienart Amerikas. Ihre Attribute sind Pfeil und Bogen, den Köcher trägt sie auf dem Rücken. Ein Kind hält ihr einen Papagei hin, ein zweites, schwarzhäutiges Kind hält, mit einer Wildkatze spielend, einen Pfeil über deren Kopf. |
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| O5 | Asia. Eine sitzende, reich gekleidete Frau mit einem gesteckten Kopfschmuck, im Haar zusätzlich Perlen und Blumen, repräsentiert den Erdteil. Sie hält mit der Linken die Ketten eines Rauchfasses, in der Rechten den Kettengriff, und schaut zum Mittelgemälde hinauf. Unten stehen zwei Kinder auf einer Stufenanlage, das eine mit Turban und einem Stab mit Halbmond, das andere mit einer Räucherschale. Zu den Attributen zählt auch ein Kamel. Im Hintergrund ist sein fantasievoll gemalter Kopf zu sehen, der von einem Führer gehalten wird. |
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| W5 | Europa. In gleicher sitzender Haltung wie die Personifikation Asiens ist auch Europa dargestellt. Sie trägt ein goldenes Diadem und einen goldfarbenen Überwurf. In der Rechten hält sie ein Zepter. Zwei Putti tragen die Tiara und das Papstkreuz als Symbol der geistlichen Macht. Das Pferd, ein weiteres Attribut, wird ähnlich wie das Kamel Asiens als Kopf im Hintergrund abgebildet. |
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| D | Kapellenjoch | |||||||||||||||||||||
| O6 | Misericordia (Barmherzigkeit, über dem Martinsaltar). Ein Bischof mit Krummstab, offenbar St. Martin, beschenkt einen Bettler. |
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| W6 | Constantia (Standhaftigkeit, über dem Vitusaltar). Ein Jüngling, offenbar der hl. Vitus, dem zwei Putti einen Kessel und einen Palmzweig halten. |
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| E | Vordere Joche mit Allegorien der Kardinaltugenden. | |||||||||||||||||||||
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| O7 | Temperantia (Mässigkeit, Besonnenheit). Frau, die ein Zaumzeug in ihren Händen trägt. Zur Seite mischen zwei Putti Wein mit Wasser. |
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| W7 | Justitia (Gerechtigkeit). Junge Frau in goldenem Kleid, auf dem Kopf ein kleiner Kronreif, hält mit der rechten Hand eine Waage hoch, ihr zur Seite halten Putti Schwert und Liktorenbündel. |
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| O8 | Fortidudo (Starkmut). Frau, in goldenem Harnisch, sitzend, trägt einen Helm und hält rechts einen Speer und links den Schild, vor dem ein Löwe liegt. |
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| W8 | Prudentia (Klugheit, Umsicht). Frau, in einen Spiegel blickend (Selbsterkenntnis), den sie in der linken Hand hält. Um das rechte Handgelenk wickelt sich eine Schlange (Vorsicht). Ein Putto reicht ihr eine Taube (Geist Gottes). |
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| F | Zwickel- und Stichkappenbilder im Altarraum (Chor) | |||||||||||||||||||||
| G1 | Grisaille: Begegnung Abrahams mit Melchisedek (Genesis 14, Verse 18–20). | |||||||||||||||||||||
| G2 | Grisaille: Usa liegt tot neben der Bundeslade, nachdem er diese berührt hat (1. Chronik 13, 10). | |||||||||||||||||||||
| O4 | Mannawunder des Moses (2. Mose 16). | |||||||||||||||||||||
| W4 | Passahmahl (Fest der ungesäuerten Brote 2. Mose / Exodus 13, 310). | |||||||||||||||||||||
| G3 | Grisaille: Isaaks Opferung wird durch einen Engel verhindert (1. Mose 22). | |||||||||||||||||||||
| G4 | Grisaille: Reinigung des Propheten Jesaja (Jesaja 6, 1-7). | |||||||||||||||||||||
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