Die ausführenden Meister des Kirchenneubaus
von bis
1738 1739
1738 1744
1739 1758
1742 1767
1723 1744
1743 1744
1745 1762
1747 1748

Die Maler der Altarblätter
1694 1694
1744 1746
1745 1745
1747 1747


St. Michael in Berg am Laim, München

Ehemalige kurkölnische Erzbruderschafts-, Ritterordens- und Hofkirche


Die Hofmark Berg am Laim und die Josephsburg

Joseph Clemens von Bayern[1]
Der jüngere Bruder des Kurfürsten Max II. Emanuel von Bayern wird 1685 zum Fürstbischof von Freising und Regensburg gewählt. Er ist erst 14-jährig. Das bayerische Fürstenhaus der Wittelsbacher kann bis 1702 fünf Fürstbistümer mit Familienmitgliedern besetzen. Die wichtigste Erwerbung gelingt 1688 mit dem Erzstift und Kurfürstentum Köln. Mit Hilfe des kaiserlichen Hofes und des für die kaiserliche Partei agierenden römischen Hofes wird er in einer hochpolitischen Wahl Nachfolger des verstorbenen Maximilian Heinrich von Bayern. Diesem bereits für die französische Partei sympathisierenden Wittelsbacher verdankt Joseph Clemens auch die Erbschaft der Hofmark[2] Berg am Laim.

Karten
Die Lage der Josephsburg mit der Kirche St. Michael in einer Folge von vergrösserten Kartenausschnitten aus dem topographischen Atlas und der Uraufnahme 1812. Für Vergrösserung und Legende bitte anklicken!

Berg am Laim
«Perg am Laimb. Schloss und Hofmarch im Obern Bayrn / Gericht Wolfertshausen / Bistumb Freysing / ein kleine Stundt von der Churfürstl. Haupt- und Residenz Statt München» lautet 1701 der Begleittext zu Michael Wenings Stich. Aus der Stadt führt damals eine Landstrasse in östlicher Richtung direkt zur 1632 gebauten Loretokapelle [1] nördlich des Hofmarkschlosses [2]. Von den Pilgern wird der Weg zur Loretokapelle und zum dazugehörigen Wirtshaus Loretosteig genannt. Die Lehmvorkommen in der Hofmark erklären den Namen Laimb oder Laim und die vielen Ziegelhütten auf den alten Landkarten.
Heute ist die ehemalige Hofmark eine der Münchner Vorstädte. Den neuen Strassenzügen für die automobilgerechte Stadt der 1960er-Jahre sind alle Altbauten gewichen. Nur zwei Bauwerke haben die Moderne überlebt. Ein ehemaliger Jagdsitz [3] ist heute, stark umgebaut Teil der Schule der Englischen Fräulein. Das zweite Bauwerk ist das spätbarocke Juwel der ehemals kurkölnischen Bruderschafts-, Ritterordens- und Hofkirche St. Michael [4]. Im 18. Jahrhundert auf der Schanzanlage «Josephsburg» gebaut, ist der Kirche auch dieser Lagenamen geblieben.

Wening  
   
  WeningText
Dem 1701 veröffentlichten Stich von Michael Wening und seinem Beschrieb von «Perg am Laimb» liegt eine Zeichnung zugrunde, die kurz nach dem Bau der Josephsburg entstanden ist und deren Entstehung im Begleittext zum Stich beschrieben wird. Mehr zum Stich siehe im Kapitel «Die Josephsburg» unten.
Bilder: Links der Stich von Michael Wening. Rechts oben die Vergrösserung der Josephsburg mit dem Titel «St. Michaelis Kirch» und rechts unten der Begleittext von Ferdinand Schönwetter SJ in der «Historico-topographica descriptio». Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich.


Die Josephsburg
Auf dem Stich von Michael Wening, der 1701 veröffentlicht wird, ist das Hofmarkschloss Berg am Laim in einer Ansicht aus Westen gezeichnet. Das stolze dreigeschossige Gebäude des 17. Jahrhunderts mit vier Ecktürmen wird schon 1787 abgerissen. Auch die das Schloss umgebenden Bauten, links die Loretokapelle und rechts ein markantes, oktogonales Gartengebäude mit Zwiebelhaube, sind schon im 19. Jahrhundert abgebrochen.[3] Unter der Überschrift «St. Michaëlis Kirch» ist auf dem Stich, wie erst nachträglich in den Hintergrund eingefügt, die Josephsburg zu sehen. In einer viereckigen Schanzanlage mit vier vorspringenden Spitzbastionen liegt ein langgestrecktes Gebäude. Beidseits seines erdgeschossigen Mitteltraktes wird es durch zweigeschossige, in der Gebäudeflucht liegende und im Grundriss quadratische Abschlussbauten betont. Sie sind mit Zeltdach und Dachreiter ausgezeichnet. Architekturgliederungen sind nicht erkennbar.[4] Im Begleittext zum Stich ist vermerkt, dass «Anno 1693 an dem darbei ligenden grossen Garten eine schöne Schantz, die Josephs-Burg genannt / unnd darein St. Michaels Capellen … erbauet worden;…».
Für diese neue Fortifikationsanlage erteilt Kurfürst Joseph Clemens 1690 dem kurbayerischen Hofbaumeister Enrico Zuccalli[5] den Auftrag. Wie der Hofbaumeister berichtet, kann er erst aufgrund des dritten grossen Holzmodells 1691 mit dem Bau beginnen. Das zweite Modell der Schanzanlage in Form eines Fünfecks mit darin liegenden höheren Gebäuden findet aus Kostengründen keine Genehmigung. Für den Bau der Bastionen und der Gebäude werden eigens neue Ziegeleien an Ort gebaut. Die Hauptarbeit, vor allem beim Aushub und Bau der Gräben, Wällen und Bastionen, leisten die in Fron arbeitenden Untertanen. 1693 ist die Festung Josephsburg und der darauf liegende, 74 Meter lange Bau vollendet.[6] Der neue Zugang zum inneren Plateau und dem darin liegenden Längsbau erfolgt über eine Brücke von Westen. Die städtischen Besucher der Josephsburg erreichen sie ab den Isarbrücken über eine weite, völlig unbebaute Landschaft. Die in der Überschrift des Wening-Stiches genannte St. Michaelskirche ist eine grosse Kapelle im nördlichen Abschlussgebäude, die beide Geschosse einnimmt.[7] Sie wird als höfische Prunkkapelle ausgestattet. In ihr stiftet der kölnische Kurfürst im Frühjahr 1693 eine Michaelsbruderschaft,[8] der im Herbst die Stiftung eines adeligen Ritterordens zum hl. Michael folgt. Für die Betreuung der Mitglieder und Gläubigen beruft er Franziskanerpatres nach der Josephsburg.
Erst 1694 verlegt Joseph Clemens den Wohnsitz nach Bonn. Hier lässt er durch Enrico Zuccalli eine neue Residenz planen, die ab 1696 auch ausgeführt wird. 1723 stirbt er, drei Jahre vor seinem älteren Bruder Max II. Emanuel und wird in der Wittelsbacher Grablege im Kölner Dom beigesetzt.

Clemens August von Bayern[9]
Neuer Hofmarksherr von Berg am Laim wird 1723 der Neffe von Joseph Clemens und Sohn von Max II. Emanuel, Clemens August von Bayern. Der 23-Jährige ist bereits dreifacher Fürstbischof und kann nach dem Tod seines Onkels, wieder dank erheblicher Bestechungssummen, auch den Kurfürstensitz von Köln erben. Bis 1728 ist er fünffacher Fürstbischof, Hochmeister des Deutschen Ordens und Propst von Altötting. In Berg am Laim hält er sich selten auf. Zwar beginnt 1722 der Hochzeitszug nach München anlässlich der Vermählung seines Bruders Karl Albrecht mit der Habsburgerin Maria Amalia an der Loretokapelle in Berg am Laim.[10] Clemens August besucht aber die Josephsburg auch in diesen Tagen nicht. Ein erster Besuch der neuen Kirche findet 1752 statt. Die Planungen zum Kirchenneubau verfolgt er aus der Ferne. Er unterstützt das Bauvorhaben und seinen an Ort wirkenden Hofmarksrichter und Verwalter Franz de Paula Würnzl aber gegen alle Anfeindungen. Damit nimmt er zwar nicht eine führende Rolle beim Neubau ein, bleibt aber Schutzherr des Bauvorhabens. Noch vor der Einweihung der Kirche 1745 verleiht er ihr den Titel einer «Hof-, Ritterordens- und Erzbruderschaftskirche». Er ist zudem grosser Förderer der Erzbruderschaft zum hl. Michael. Ihr schenkt er, nicht uneigennützig, noch vor Baubeginn die Josephsburg. Die Erzbruderschaft wird damit verantwortlich für den Bau und die Finanzierung.

Franz de Paula Würnzl[11]
Für die Finanzierung der neuen Kirche ist nach der Schenkung des Kurfürsten die Erzbruderschaft zum hl. Michael zuständig. Ihr Sekretär und Schatzmeister ist seit 1720 Franz de Paula Würnzl, kurkölnischer Geheimer Kanzleiverwalter und Hofmarksrichter von Berg am Laim. Als Lehensträger und Vertrauter des kölnischen Kurfürsten ist er mit diesem immer im Kontakt. Er ist Initiant des Kirchenneubaus auf der Josephsburg und unermüdlicher Kämpfer bei allen Schwierigkeiten der Planungs- und Bauphase. Die Neubaufinanzierung ist vor allem das Werk Würnzls, der bis 1753 die Summe von 45 000 Gulden an Spenden sammelt. Das Vermögen der Erzbruderschaft ist nach dem Kirchenneubau sogar leicht höher als vorher. Er ist kein Strohmann des Kurfürsten, wie ihn Robert Stalla 1989 bezeichnet, sondern ein Vertrauter mit Durchsetzungsvermögen und einem klaren Ziel. Ihm, dem auch die Bauleitungstätigkeit nicht fremd ist, dürfte das Gelingen des Neubaus in erster Linie zu verdanken sein.

Planung und Bau der Michaelskirche

Planungen 1735–1738
Die wechselnden Planer der ersten Bauphase
Wie bei vielen Kollektivplanungen der Barockzeit kann auch bei St. Michael auf der Josephsburg für die erste Planungs- und Bauphase über den Anteil der wechselnden Planungsbeteiligten nur spekuliert werden, denn fast alle Bauakten sind nicht erhalten. Über das vermutliche Aussehen der ersten Planungen vor 1740 streiten sich die Kunsthistoriker seit Jahrzehnten. Je nachdem, welche kunstgeschichtliche Literatur der architekturinteressierte  Laie konsultiert, findet er völlig gegensätzliche Zuschreibungen von Planungen der ersten Phase. Nur die zeitlichen Einsätze der beteiligten Planer sind bekannt.
Belegt ist, dass der Münchner Baumeister Johann Michael Fischer[12] Ende 1737 von Bauverwalter Würnzl im Namen der Erzbruderschaft den Auftrag für den Bau der Michaelskirche gemäss einem genehmigten Projekt erhält. Für den Rohbau rechnet Fischer mit Kosten von 11 584 Gulden.
Intrigen des einflussreichen Neubaugegners Anton Kajetan von Unertl[13] führen im Februar 1738, noch vor der Grundsteinlegung am 8. Oktober 1738, zur Ablösung Fischers durch Philipp Jakob Köglsperger.[14]
Köglsperger ist vorher Hofmaurerpalier, vornehmlich bei Bauten von François Cuvilliés.[15] Der kurbayerische Baumeister des Rokoko ist zu dieser Zeit bei den beiden Kurfürsten von Bayern und Köln hochgeschätzt. Er ist offenbar von Beginn weg Mitglied des «Planungsteams» für den Neubau von St. Michael, denn schon 1737 schreibt Würnzl, dass nebst dem «Maurermeister» Fischer auch Monsieur Cuvilliés als Gutachter tätig sei. Nach dem unfreiwilligen Ausscheiden Fischers im ersten Baujahr 1738 verbleibt Cuvilliés in seiner Rolle als Planungsbeteiligter. Köglsperger ist jetzt wenige Monate auf der Baustelle federführend. In dieser Zeit werden die Fundamente gelegt. Vor allem ist eine verbreiterte Doppelturmfront in Planung. Anfang 1739 ist diese bereits im Bau. Der «Schaur-Stich» stellt die Fassade 1740 vor.
Schon im März 1739 ist Fischer erneut leitend tätig und präsentiert eine auf Grund des Baufortschrittes überarbeitete Planung. Aufgeschreckt durch den erneuten Baumeister-Wechsel innerhalb von zwölf Monaten verlangt der Kölner Kurfürst, Cuvilliés habe «nicht nur dasjenige, was bisero verfertigt worden, zu examinieren, sondern allenfalls neue Riss und Überschlag zu machen». Cuvilliés greift aber in der Folge kaum in die Neuplanung Fischers ein, er hält sich im Hintergrund. Die Zusammenarbeit der beiden findet auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung statt. Cuvilliés ist vor allem künstlerischer Koordinator. Dass die beiden Planer gut harmonieren, zeigen sie schon wenige Jahre vorher beim Kirchenneubau in Diessen.

Umstrittene Planungsdokumente der ersten Phase
Der zeitliche Anteil der Planer während der Phase von 1734 bis 1740 ist bekannt und unbestritten. Es ist leider kein zeitgenössischer Plan, auch keiner der sonst üblichen Repräsentationspläne, vorhanden. Weil der «Luzerner Plan» vehement als Dokument der Planungsgenese abgelehnt wird, konzentrieren sich die differierenden Meinungen zur Planung bis 1740 auf zwei Stichveröffentlichungen.[16]
Sondermayr-Stich 1735
1735 zeigt Franz de Paula Würnzl in einem Stich eine «Vorstellung» der neuen Michaelskirche auf der Josephsburg. Mit dieser ersten Veröffentlichung beginnt er die Sammelaktion. Der Stich erhält später den Namen des Augsburger Stechers Simon Thaddäus Sondermayr. Der Entwerfer ist nicht erwähnt.[17] Vermutlich zeichnet Würnzl die Planvorlagen. Als Sohn eines Maurers dürfte ihm das Bau- und Planungsumfeld nicht fremd sein. Der Stich zeigt allerdings das architektonische Patchwork eines Laien. Im eingefügten Kirchengrundriss scheint der innere Zentralraum Nr. 10 eine Ähnlichkeit mit dem Zentralraum der Fischer-Kirche in Ingolstadt zu haben.[18] Es muss aber viel Phantasie aufgebracht werden, um darin den ersten Entwurf Fischers zu erkennen.[19] Die Ähnlichkeit mit Ingolstadt könnte zwar Indiz für einen frühen Kontakt zu Johann Michael Fischer sein, der aber keinen Entwurf gezeichnet haben wird. Denn dann hätte Würnzl diesen übernommen. Die dilettantische Darstellung von Zentralraum und Ovalchor dürfen zudem nicht dem Stecher angelastet werden.

Schaur-Stich 1740
Der Neubau ist schon weit fortgeschritten, als 1740 ein neuer Fassadenstich erscheint. Er enthält die Rechnung der Erzbruderschaft von 1737–1739, kann also frühestens Ende 1739 gedruckt worden sein. Sein Stecher signiert mit F. S. Schaur, Sc. Mon., vielleicht ist dies der Hofstecher Franz von Sales Schaur. Der Stich zeigt eine Doppelturmfassade mit einer konkav-konvexen (?) Mitte.[20] Obwohl der Stecher mit der Umsetzung der Planvorlage einige Mühe hat und die schräggestellten Eckpfeiler der Türme mit der konkaven Fassadenmitte planparallel zeichnet, sieht Robert Stalla 1989 eine planerische Vorgabe von François Cuvilliés. Diese ist nicht auszuschliessen. Trotzdem wird noch heute der als Planer völlig unbeschriebene Köglsperger als Schöpfer der Doppelturmfassade bezeichnet, weil dieser während der Phase der Doppelturmplanung Leiter der Baustelle ist und mit der Fassade 1738 beginnt. Immerhin schliesst selbst Bernhard Schütz 2021 eine Mitarbeit Cuvilliés nicht aus. «Möglich, dass Cuvilliés, der zeit seines Lebens stets Französisch sprach und nie Deutsch gelernt hat, den Fassadenplan Köglspergers oberflächlich übergangen und ihn gleichsam "französisiert", d.h. auf die Höhe der Zeit gebracht hat», schreibt der Kunsthistoriker.[21] Leider ist auch diese Planung nicht erhalten. Die Vorgabe einer Doppelturmfront muss so oder so bei der Bauherrschaft oder dem Kurfürsten gesehen werden. Sie wird, bis zu ihrer Fertigstellung mit Sicherheit mehrfach geändert, in den folgenden Jahren durch Johann Michael Fischer erstellt.
Die an die Fassade anschliessenden «Busshaus»-Bauten mit den «vorigen» (bestehenden) Pavillons stimmen im Stich in Geschosszahl und Zahl der Fensterachsen mit dem Zuccalli-Bau überein. Ihnen ist nun eine interessante Fassadengliederung verpasst worden. Ob diese je so ausgeführt wird, bleibt fraglich. Über ihr Aussehen nach dem Kirchenneubau ist nichts überliefert. Nur der Umbau 1751/52 des südlichen Flankengebäudes zum Franziskanerhospiz durch Johann Michael Fischer ist dokumentiert. Heute stehen anstelle der beiden flankierenden Gebäude dreigeschossige, ungleich lange Flügel von grosser Nüchternheit.

Bauausführung durch Johann Michael Fischer 1739–1743
Über die Bauausführung ist wenig überliefert. 1739 setzt der Bautrupp von Johann Michael Fischer den durch Köglsperger begonnen Bau nach einer Neuplanung Fischers und nach Teilabbrüchen fort. Die bereits begonnene Doppelturmfassade wird, wahrscheinlich ebenfalls von Fischer verändert, weitergeführt. Über den Baufortschritt widersprechen sich die raren Angaben. Ende September 1740,[22] vielleicht auch erst im Herbst 1742, soll der Kirchenraum unter Dach sein. Weder der bauleitende Palier Fischers noch der Zimmermeister sind genannt. Mit dem Zimmermeister baut Fischer anschliessend die selbsttragenden Bohlenlamellen-Gewölbe, eine von ihm zur Perfektion weiterentwickelte Leichtbaukonstruktion. Weil im Januar 1743 bereits die Verträge für die Stuckaturen und die Fresken abgeschlossen werden, müssen die Gewölbe zu diesem Zeitpunkt fertiggestellt sein. Das Jahr 1743 bedeutet deshalb den Abschluss der mit Fischer vereinbarten Rohbauarbeiten. Vom erneut ausgebrochenen Krieg mit Österreich und der Besetzung Münchens mit Husaren und Panduren scheint der Neubau kaum betroffen.[23] Nur der grössere Rückgang an Spendengelder führt zu Besorgnis. Aber schon 1742 erhält Johann Baptist Straub[24] den Auftrag für die Statue des hl. Michael in der grossen Fassadenische und Anfang 1743 folgen die Aufträge für die Stuckierung und die Gewölbefresken an Johann Baptist Zimmermann.[25] Zimmermann beendet die umfangreichen Arbeiten im Herbst 1744. Als Mitarbeiter wird der Stuckateur Joseph Marian erwähnt.[26] Schon am 1. Mai 1744 kann die Kirche durch den Pfarrer von Baumkirchen, einem der ursprünglich schärfsten Gegner des Neubaus, eingesegnet werden.

Chronologie der Ausstattungs- und Fertigstellungsarbeiten 1744–1793

1744–
1745
Johann Baptist Straub liefert vier Diagonalaltäre im Bruderschaftsraum (dem grossen Hauptraum). Zwei Altäre sind anlässlich der Benediktion 1744 vorhanden. Zwei weitere  liefert er bis 1745. Zu den Malern der Altarblätter siehe den Beschrieb der Altäre unten.
1745 Franz de Paula Würnzl versetzt den Hochaltar der Michaelskapelle, 1694 nach einem Entwurf und mit dem Altarblatt von Johann Andreas Wolff erstellt,[27] in den Altarraum der neuen Kirche. Das Altarblatt wird 1767 vergrössert in den neuen Hochaltar übertragen. Zum Hochaltar und zum Altarblatt siehe den Ausstattungsbeschrieb unten.
1745 Der Münchner Kistler Benedikt Hasslerr[28] liefert die Kanzel.
1745 Der Fassmaler Johann Michael Kauffmann[29] malt die Marmorierungen der tektonischen Gliederung des Innenraums (aus Spargründen anstelle von Stuckmarmor).
1747 Die Emporenorgel wird beim Orgelbauer Anton Bayr[30] in München in Auftrag gegeben. Ihre Disposition und ihr Prospekt sind nicht bekannt.[31]
1749–
1752
Johann Michael Fischer ist erneut in Berg am Laim tätig. Erst jetzt werden die Turmabschlüsse gebaut. Im Juli 1750 sind die Arbeiten mit der Fertigstellung des Nordturms beendet. 1751/52 baut Fischer das südliche Flankengebäude zu einem Franziskanerhospiz um.
1751 Am 19. September wird die Kirche vom Freisinger Weihbischof eingeweiht.  
1754 Eine Datierung im Altarraum (Lieb, Stalla) wird erwähnt, ist aber nicht nachvollziehbar.
1756 Johann Michael Fischer erhält den Auftrag für den Aussenputz.
1758–
1759
Johann Baptist Straub liefert die zwei grossen Altäre der Querachse im Bruderschaftsraum (grosser Hauptraum).
1762 Die Fassung der kleineren Altäre im Bruderschaftsraum ist vollendet.
1767 Johann Baptist Straub errichtet den Hochaltar. Zu ihm und zum Altarblatt siehe den Ausstattungsbeschrieb unten.
1768 Johann Baptist Straub liefert eine Christus- und Marienfigur für den Chorraum.
1771 Die Fassung des Hochaltars ist fertig.
1772 Die Bastionen und Wallanlagen der Josephsburg werden abgebrochen und eingeebnet.
1779 Das Eingangsgitter wird versetzt.
1793 Der Bildhauer Franz Joseph Muxel[32] liefert eine neue Fassadenfigur des hl. Michael  anstelle der zerstörten monumentalen Holzstatue Straubs. Sie wird schon 1911 durch die heutige, kleinere (490 cm hohe) Figur in Bronze ersetzt.

Die Kirche St. Michael in Berg am Laim vom 19. bis ins 21. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert
Schon 1802 wird der Franziskanerkonvent aufgelöst. 1803 werden auch die geistlichen Fürstentümer Freising und Kurköln aufgelöst. Die Erzbruderschafts- und Ritterordenskirche wird 1806 als Pfarrkirche bestimmt und mit der Pfarrei Baumkirchen zusammengelegt. In das ehemalige Franziskanerhospiz im südlichen Annexbau ziehen 1840 Barmherzige Schwestern ein, auch der Nordannex wird 1853 an sie abgetreten. Sie bauen die beiden Annexbauten schon schnell dreigeschossig um, aber noch in der alten Symmetrie und mit Zeltdächern gedeckt. Ihre heutige unglückliche Asymmetrie und ihr nüchternes Aussehen erhalten sie erst in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Die Kirche bleibt mit Ausnahme der dringendsten Unterhaltsarbeiten von grösseren Eingriffen verschont.

Das 20. und 21. Jahrhundert

1911 liefert der königliche Hofkupferschmied Franz Ragaller die heutige Michaels-Statue für die Kirchenfassade, die zu dieser Zeit erstmals instandgesetzt wird. Im gleichen Jahr wird die Orgel von 1748 durch ein pneumatisches Instrument ersetzt. Über den Prospekt ist nichts bekannt. Innen wird 1935/36 (erstmals?) restauriert. Das Kircheninnere nimmt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs Schaden, als der Altarraum von einem Artilleriegeschoss getroffen wird. Noch 1945 wird der Schaden behoben, anschliessend folgen im 20. Jahrhundert mehrere Innen- und Aussenrestaurierungen, die zeitbedingt nicht immer nur sichernd und konservierend verlaufen. Immerhin können die dadurch verursachten Schäden anlässlich der letzten umfassenden Sanierungs-, Renovierungs- und Restaurierungsetappe von 2001–2017 unter der Fachleitung von Architekt Franz Peter korrigiert werden. Die Kirche zeigt sich jetzt dem Besucher wieder wie vor 250 Jahren, nur dass sie heute nicht mehr aus der Mitte von niederen, symmetrischen Flankengebäuden der Josephsburg ragt.


Architektur und Ausstattung von St. Michael in Berg am Laim

Das Bauwerk

Der architekturhistorische Hintergrund
Kaum einem Bauwerk von Johann Michael Fischer sind in den letzten hundert Jahren derart viele architekturhistorische Beschreibungen gewidmet worden, wie der Michaelskirche in Berg am Laim. Zusätzlich erscheinen 1989 und 2021 umfassende Baumonografien. Auf die böhmischen Einflüsse der Raumschöpfungen Fischers weist Norbert Lieb 1952 hin. Bernhard Schütz bestätigt diese Einflüsse schon im Zentralraum der kleinen Fischer-Kirche St. Anna am Lehel in München (1727), deren Ovalrotunde er als Sonderform des «Acht-Arkaden-Raums» beschreibt. [33] Schütz sieht vor allem in den Kirchen von Freystadt[34] und Murnau[35] Abhängigkeiten der Zentralbauten Fischers. Als direkten Vorläufer von Berg am Laim gelten dessen Zentralbauten in Ingolstadt und Aufhausen.[36] Allerdings ist in Wien schon seit 1716 die Piaristenkirche Maria Treu von Johann Lukas von Hildebrandt im Bau, die im Grundriss mit der Kirche St. Michael in Berg am Laim fast identisch ist und auch eine Doppelturmfront hat. Hildebrandts Sakralbauten sind den Form- und Gestaltungsprinzipen des Turiner Theatinerpaters Guarino Guarini verpflichtet, die dann auch in die böhmische Barockarchitektur einfliessen. Wie auch immer die Planung von Maria Treu nach München gelangt ist, den Planungsbeteiligten könnte sie schon damals bekannt sein.[37]

Der Innenraum
Die Tiefe des Kirchenraums (44,2 m) ist in vier Teile gegliedert. Nach der querovalen Eingangshalle öffnet sich eine Abfolge von drei Kirchenräumen. Zwei Zentralräume, der grosse Bruderschafts- oder Gemeinderaum und der kleinere Ritterordens- oder Chorraum sind mit dem querovalen Altarraum abgeschlossen und bilden eine räumliche Einheit.

Bruderschaftsraum
Der baukünstlerisch wichtigste und auch grösste Raum ist der Bruderschaftsraum. Er ist innen 24,5 m breit. Eigentlich entspricht er dem Typus des ungleichseitigen Acht-Arkaden-Oktogons mit breiten Kreuzarmen in der Querachse. Allerdings ist dieser zugrundeliegende Typus kaum mehr zu erkennen. Die Diagonalarkaden sind zu konkav geformten Nischen ausgebildet. Die acht Ecken des Oktogons betonen Gruppierungen von Pilaster-Pfeilerkörpern und Wandsäulen mit ausgemuldeten Sockeln und betontem Gebälk. Ihre Säulen fassen die vier grossen Öffnungen, die spitz zur Raummitte weisenden Pilasterpfeiler hingegen die vier Diagonalräume.
Noch weniger konventionell als die Wandstruktur ist die Gewölbeausbildung. Die Flachkuppel mit einem Durchmesser von fast 15 Meter scheint zu schweben, weil sie nicht auf den Arkadenbögen ruht, sondern über weit aufschwingenden, sphärisch gekurvten Bögen ansetzt. Der Arkadenbogen wird so vom Gewölbefeld gebildet. Ein braunrotes, segelförmig ansteigendes Brokatmuster betont diese «Riesenarkaden». Die Flachkuppel ist eine selbstragende Holzkonstruktion, ähnlich einem beplankten, aber umgekehrten Schiffsrumpf.

Chorraum
Der ehemals als Ritterordensraum gebaute Chorraum ist mit 12,2 m genau halb so gross wie der Bruderschaftsraum, hat aber die gleiche Höhe. Auch er folgt dem Typus des ungleichseitigen Oktogons. Die acht Ecken sind hier mit Wandsäulen betont, diejenigen der beiden Raumöffnungen aber mit der Wirkung von Freisäulen. Das Gebälk läuft in der gleichen Höhe durch. Auch im Chorraum ist die Pendentifkuppel in selbstragender Holzkonstruktion gebaut.

Altarraum
Der abschliessende Altarraum ist ein schlichter Rechteckraum von 5,5 m Tiefe, mit seitlichen Ausrundungen und einem geraden Abschluss zwischen zwei Wandsäulen. Der Raum ist in gleicher Höhe wie der Chorraum kuppelgewölbt.

Belichtung
Alle Fenster der drei Haupträume sind im Obergeschoss über dem umlaufenden Kranzgesims angeordnet. Es sind hochrechteckige Stichbogenöffnungen, im Licht vier Meter hoch. Im Bruderschaftsraum sorgen sechs Fenster für eine grosse Helligkeit. Die vier Diagonalfenster schneiden in das Gewölbe ein, die Aussparung im Gewölbe ist aber keine Stichkappe, sondern eine «Rotunden»-Aussparung als Lichtrahmen, die den Diagonalarkaden zu einem einzigartigen Bogenabschluss verhilft. Der Chorraum und der Altarraum sind von jeweils zwei Fenstern in der Querachse belichtet.

Die Fassade

Im Oeuvre von Johann Michael Fischer nimmt die Fassade von Berg am Laim eine besondere Rolle ein. Sie ist seine erste Doppelturmfassade und seine erste Fassade unter Verwendung einer Säulenordnung. Singulär bleibt bei ihm auch die Zweigeschossigkeit der Fassade.[38] Als diese in seinem Schaffen neuen Elemente 1738 in die Planung einfliessen, stehen schon viele zweigeschossige barocke Doppelturmfassaden, diejenige des Salzburger Doms schon über 100 Jahre, neuere stehen in Banz,[39] in Münsterschwarzach,[40] in Wien (Peterskirche),[41] in Karlsbad,[42] nur um einige zu nennen. Welche Fassaden aber Köglsperger oder Cuvilliés, die vermutlichen Planer von 1738/39, kennen, oder wie ihr Bauplan ausgesehen hat, bleibt im Dunkeln. Nach dem überlieferten Bauverlauf zu beurteilen, führt Johann Michael Fischer ab 1739 die Fassade entsprechend dieser Drittplanung hoch. Er soll die begonnenen Turmfundamente zwar übernommen, die konkav begonnene Fassade aber abgebrochen und konvex neu aufgemauert haben.[43] Die Konvexität seiner zweigeschossigen Säulen-Ädikula wird von den schräggestellten Pilasterpfeilern an den Kanten der dreigeschossigen Türme aufgenommen. Sie verleihen den Türmen ein konkav wirkendes Aussehen und verstärken die bereits mit der Säulenädikula des Mittelteils geprägte Plastizität. Die kräftigen Doppelsäulen könnten noch diejenigen sein, die Köglsperger 1738 aus Weyarn liefern lässt und die nun von Fischer verbaut werden müssen. In beiden Geschossen wird die konvexe Bauchung der Fassadenmitte durch die Konkavität der tiefen, gekehlten und geschosshohen Nischen wieder aufgehoben. In der Nische des oberen Geschosses steht der Erzengel Michael, mit der Lanze den Satan zu seinen Füssen hinabstossend. Im unteren Geschoss ist über dem Eingang eine Kartusche von Johann Baptist Straub angebracht. Trotz dieser Plastiken wirkt die Gesamtheit der untern Geschosse nüchtern und schon klassizistisch kühl. Die Glockengeschosse mit ihrem spitz aufgebogenem Gebälk und die zurückgesetzten Helmgeschosse, kleiner als die ähnlichen der Theatinerkirche, heben diesen Eindruck wieder auf.

Stuckaturen und Raumfarbigkeit
Der Kirchenraum von Johann Michael Fischer findet erst zwischen 1743 und 1767 mit den Stuckaturen und Fresken von Johann Baptist Zimmermann und den Altären von Johann Baptist Straub seine Interpretation und Vollendung.
Viele Kunsthistoriker sehen eine Hintergrundmitwirkung von François Cuvilliés.[44] Die Nähe der Stuckornamentik beider Meister in Berg am Laim dürfte aber eher eine Folge ihrer schon lange dauernden Zusammenarbeit an Bauten des kurbayrischen Hofes sein. Die höfisch geprägten Stuckaturen ordnen sich der architektonischen Gliederung unter. Ihre symmetrische Ornamentik, im Hauptraum als weisser Stuck in weissen Gewölbeflächen, greift in das goldbraunrote Brokatmuster der sphärischen Gewölbebögen ein. Die Kartuschen über diesen Bögen in den Längs- und Querachsen sind, wie die von ihnen ausgehenden Blatt-Blütengehänge und die gratbegleitenden Rocaillen in einem fleischfarbenen Ockerton hervorgehoben. Im Chorraum sind alle Stuckaturen in diesem Ockerton gehalten. Nur die weissen Stuckplastiken der vier Kirchenväter von Zimmermann sitzen hier vor malachitgrün gefasstem Nischenhintergrund.
Für die Raumfarbigkeit spielen zwar die Kuppelfresken die entscheidende Rolle. Die Stuckfassungen und die segelförmigen Brokatmuster der sphärischen Gewölbebögen, selbst die grünen Nischen des Chorraums sind aber als tragende Elemente der Raumgestaltung im Obergeschoss nicht wegdenkbar. Seit der letzten Restaurierung ist die ursprüngliche Farbfassung wieder hergestellt. Deutlicher als vorher sind nun die Intentionen der damaligen Meister der Raumgestaltung ablesbar.
Die Raumfarbigkeit setzt sich im Erdgeschoss fort. Hier sind die Säulen, die Pilaster und das umlaufende Gebälk in die farbige Raumgestaltung eingebunden. Obwohl ursprünglich die Wirkung von Stuckmarmor beabsichtigt ist, sind die Marmorierungen als Folge einer bauzeitlichen Sparmassnahme nur gemalt. Mit den Rottönen für die Säulen, den Grüntönen für die Pilaster und Friese und den Ockertönen für die Gesimse und Kapitelle[45] wird die Farbigkeit der Gewölbe sanft übernommen. Dominierend sind im Erdgeschoss allerdings die Altäre. Erst mit ihnen wird der Innenraum zum betretbaren «Bildraum» des Rokoko.

Die Kuppelfresken
Johann Baptist Zimmermann malt die Kuppelfresken in den warmen Monaten der Jahre 1743 und 1744. Während zur gleichen Zeit sein Stuckateurtrupp unter der Leitung von Joseph Marian auf den Gerüsten arbeitet, malt er alle Deckenbilder weitgehend eigenhändig. Als Stuckateur des grossen Saals in Schleissheim arbeitet er 1720 mit Jacopo Amigoni zusammen, der ihm für die spätere Rokokomalerei entscheidende Impulse liefert. Wie Amigoni in Schleissheim verzichtet er in Berg am Laim in venezianischer Art auf Perspektivarchitektur und auf die Anlage einer Quadratura, und legt den terrestrischen Schauplatz an den Bildrand. Das Mittelfeld bleibt dem Himmel vorbehalten. Dem hellen, blauen Zentrum sind die landschaftlichen Schauplätze mit ihren Farben von Erdbraun bis Grün der Randzone gegenübergestellt. In Berg am Laim richtet er die Fresken auf den aus West eintretenden Betrachter aus und legt das terrestrische Geschehen in die östlichen Kuppelhälften.

Die Thematik der Bilder
Mit Ausnahme des Freskos über der Orgel mit dem Harfe spielenden König David, das aber heute durch die zu grosse neue Orgel verdeckt ist, sind alle drei Kuppelfresken den legendären Erscheinungen des Erzengels Michael auf dem Monte Gargano in Apulien gewidmet.

Bruderschaftsraum
In das grosse Kuppelpanorama malt Zimmermann das Wunder an der Höhle am Monte Gargano, vor welcher der Herzog einen entlaufenen Stier erschiessen will. Der Pfeil kehrt aber auf wundersame Weise um und trifft den Schützen in der Szene rechts. Der hl. Michael erscheint anschliessend dem Bischof von Siponto und stellt die Höhle unter seinen Schutz. In der Szene links führt der Bischof eine grosse Prozession zur Höhle an. In der Prozessionsmitte ist auch der wunderbar genesene Herzog mit Gefolge zu sehen. Im Himmel über der hell belichteten Höhle schwebt der Erzengel. Die Kartusche ist «Apparitio I S. Michaelis» beschriftet.

Chorraum
Im Chorraum ist unter dem Titel «Apparitio II S. Michaelis», das zweite Auftreten des hl. Michael dargestellt. Die Stadt Siponto am Fusse des Gargano wird 491 durch sein Eingreifen von der Einnahme durch die Truppen des Barbarenkönigs Odoaker gerettet. In der Bildmitte wirft der Erzengel in einer hellen Himmelsglorie mit seinem Stab Blitze und Flammen auf die feindlichen Truppen.

Altarraum
Im kleineren Bild über dem Hochaltar malt Zimmermann das Innere der Höhle am Monte Gargano und den erneut erscheinenden Erzengel Michael mit den Worten «Ich selbst hab diss orth geweÿhet», die er dem Bischof von Siponto überbringt, nachdem Diskussionen um eine kirchliche Weihe der Höhle auftreten. Rechts treten in einer zeitlich unterschiedlichen Ebene der Bischof von Siponto und weitere Bischöfe in die Höhle ein, wo sie den vorbereiteten Altar vorfinden. Die über der Gruppe schwebenden Adler sollen die Bischöfe mit Beschattung und Flügelschlag vor Hitze schützen.


Die Ausstattung

Altäre

Hochaltar
Vorgängerretabel und Altarblatt von Johann Andreas Wolff
Johann Baptist Straub kann das Hochaltar-Retabel erst zwei Jahrzehnte nach den Seitenaltären erstellen. Es ersetzt ein Retabel, das nach einem Entwurf von Johann Andreas Wolff 1693 für die Bruderschaftskapelle der Josephsburg gefertigt wird und 1745 in die neue Kirche versetzt wird. Sein Entwurf zeigt ein geschnitztes Bildretabel über einem Sockelunterbau in der Höhe von beidseitigen Durchgängen. Als ausführender Bildhauer wird Andreas Faistenberger vermutet. Im Altarblatt malt Wolff den hl. Michael als Sieger über Luzifer. Während Michael mit dem Feuerschwert den gefallenen Erzengel in die Tiefe stürzt, hält er mit der linken Hand die Siegespalme in die Höhe. Dieses Altarblatt wird 1763 in das neue Retabel von Johann Baptist Straub eingepasst. Es muss dafür allseitig vergrössert werden. Der Münchner Hofmaler Franz Ignaz Oefele löst diese Aufgabe in hervorragender Weise.[46]

Der Hochaltar von 1767
«Johann Baptist Straubs Altarlösung reflektiert, für den Blick durch die Kirche vom Weststandpunkt aus, das In-die-Tiefe-Wogen des Raums. Die Architektur des Altars nimmt die konkave Ausrichtung der östlichen Wandflächen der beiden dem Altarhaus vorgelagerten oktogonal gebildeten Räume in sich auf: Hierdurch mündet der Kirchenraum sanft im Hochaltar».[47] Das Hochaltar-Retabel ist, wie alle Retabel Straubs, eine Holzausführung.
Zwei gekuppelte schlanke Säulenpaare auf blockhaft geschlossenen Postamenten, mit hohen Architraven und weit ausladendem Gesims, oben nur durch eine Baldachinspange verbunden, nehmen das Motiv der Ädikula an der Eingangsfassade auf, jetzt aber konkav gewölbt. Auf dem Säulengebälk weisen Engel zur Mittelgruppe des «Auszugs» hin. Dieses Oberstück ist eine freiplastische Bildhauerarbeit. Vor einer Strahlenglorie zwischen zwei Pilastern einer angedeuteten Ädikula thront Gottvater auf der Erdkugel, zu seinen Füssen schwebt ein weiterer Engel. Das Retabel ist sehr einfühlsam gefasst. Die Marmorierung ist der Raumfarbigkeit angeglichen, Gold ist eher zurückhaltend verwendet.

Masse Altarretabel Hochaltar: ca. 8,0 m x ca. 16,0 m; Masse Altarblatt (seit 1767): 3,0 m x 5,5 m.
Assistenzfiguren: Erzengel Gabriel und Erz- und Schutzengel Raphael, beide mit Putti zu ihren Füssen.
Tabernakel: Zweigeschossig, die Figuralplastik stellt das Gastmahl in Emmaus dar.[48]

Altäre im Bruderschaftsraum
Querachsenaltäre
Die grossen Säulen-Retabel in den Querachsen werden von Johann Baptist Straub erst 1758/59 aufgerichtet. Beide sind wie der Hochaltar in Holz ausgeführt. Sie sind 7,7 m breit und (mit Strahlenkranz) ca. 12,6 m hoch. Der architektonische Aufbau folgt im Grundriss dem durch die Sockel der Wandsäulen-Pilaster vorgegebenen Halbkreis. Der Sockel und das Postament der beiden Säulen nehmen diese konkave Grundform auf. Die Säulen stehen vor ebenfalls zum Raum geöffneten Pfeilern. Die Kapitelle weisen freie Komposit-Formen auf. Die Säulen-Gebälke sind mit einem konvexen Baldachin verbunden. Wolken und ein Strahlenkranz bekrönen ihn. Die Retabel sind entsprechend der Raumfarbigkeit rot und grün marmoriert, Baldachin und Strahlenkranz sind vergoldet. Fassmaler beider Altäre ist Johann Michael Kauffmann.

Nord [A2]: Portiunkula-Altar.
Das Altarblatt (1746 von Johann Baptist Zimmermann) zeigt oben den kreuztragenden Christus und unten den hl. Franziskus, der aus der Hand Mariens den sogenannten Portiunkula-Ablass entgegennimmt, den Papst Honorius 1216 gewährt.
Auf den Säulengebälken sitzen Antonius von Padua und der Kirchenlehrer Bonaventura von Bagnoreggio.
Assistenzfiguren sind die Apostel Jakobus der Jüngere und Thomas.
Auf der Mensa steht ein Schrein mit dem «Heiligen Leib» des Clemens.
Süd [A3]: Altar der Hl. Familie.
Das Altarblatt (1747 von Hofmaler Johann Georg Winter)[49] stellt die Heilige Familie dar.  
Auf den Säulengebälken steht der Karmeliter Johannes vom Kreuz und sitzt der Franziskaner Johannes von Capestrano.
Assistenzfiguren sind die Apostel Philippus und Bartholomäus.
Auf der Mensa steht ein Schrein mit dem «Heiligen Leib» des Benediktus.

Diagonalaltäre
Die vier Diagonalaltäre des Bruderschaftsraums von Johann Baptist Straub sind Rahmenaltäre des Rokoko. Derart, mit dem Verzicht auf einen architektonischen Aufbau, baut er sie erstmals 1738 in Diessen. Sie unterscheiden sich damit auch von den Querachsen-Altären. Straub fasst die Altarblätter im Sinne des Rokoko mit asymmetrischem, phantasiereichem Schnitzwerk, gebildet aus Draperien, Putti auf Wolkengebilden, Blumengirlanden und Rocaillen. Die seitlichen Apostelfiguren sind eng mit dem Rahmen verbunden, was mit der durchgehenden Goldfassung zusätzlich betont wird.

Nordwest [A4]: Norbert-Altar.
Das Altarblatt (1745 von Joseph Ignatius Schilling)[50] zeigt den Triumph des hl. Norbert von Xanten über den Irrlehrer Tanchelm. Dieser, Leugner der Eucharistie, wird vom erhöht unter einem roten Traghimmel stehenden hl. Norbert, dem Gründer des Prämonstratenserordens, mit Hilfe der Monstranz «gebodigt».
Assistenzfiguren sind die Apostel Matthäus und Simon.
Fassmaler ist Johann Jakob Feichtmayr.[51]

Nordost [A5]: Maria-Immaculata-Altar.
Das Altarblatt (1744 von Johann Baptist Zimmermann) mit Maria, die mit dem linken Fuss auf dem Kopf der Schlange (diese mit Apfel) und dem Erdball, mit dem rechten Fuss aber auf der Mondsichel steht. Sie hält in der linken Hand eine Lilie, rechts reicht ihr ein Engel einen Kranz mit Rosen. Unten sitzen auf dem Gnadenbrunnen zwei Putti. Im Himmel schwebt die Taube des Heiligen Geistes.
Assistenzfiguren sind die Apostel Petrus und Andreas.
Fassmaler ist Wolfgang Gartenschmidt.[52]

Südwest [A6]: Altar des hl. Franz von Paula.
Das Altarblatt (1745 von Joseph Ignatius Schilling) stellt die Szene dar, in welcher Franz von Paula, Gründer des franziskanischen Paulanerordens, ein blindgeborenes Kind heilt. Der Altar kann auch als Ehrung des Hauptverantwortlichen für die Durchführung des Kirchenneubaus betrachtet werden, des Franz de Paula Würnzl.
Assistenzfiguren sind die Apostel Judas Thaddäus und Matthias.
Fassmaler ist Johann Jakob Feichtmayr.

Südost [A7]: Johann-Nepomuk-Altar
Das Altarblatt (1744 von Johann Baptist Zimmermann) hat zum Inhalt, wie der hl. Johann Nepomuk 1393 auf der Prager Burg dem König Wenzel IV. zur Verurteilung zugeführt wird.
Assistenzfiguren sind die Apostel Johannes und Jakobus der Ältere.
Fassmaler ist Johann Michael Kauffmann.


Kanzel
Die Kanzel wird 1745 an den Münchner Kistler Benedikt Hassler in Auftrag gegeben. Er soll eine Kopie der Kanzel von Egid Quirin Asam von 1734 für die Damenstiftskirche St. Anna in München anfertigen. Mit Ausnahme der Bekrönungsgruppe auf dem Schalldeckel, die in Berg am Laim dem Kirchenpatron gewidmet ist, ist die Kanzel tatsächlich eine präzise Wiederholung der Asam-Kanzel. Sie wird von Johann Jakob Feichtmayr vollständig vergoldet und fügt sich unproblematisch in die Umgebung der Straub-Altäre ein. Erstaunlich ist, dass über den Kunsthandwerker Hassler nicht mehr bekannt ist.

Pius Bieri 2025


Literatur

Bezold, Gustav von; Riehl, Berthold; Georg Hager: Die Kunstdenkmale des Regierungsbezirkes Oberbayern, erster Band. München 1895. (Kurzbeschrieb der Kirche, teilweise überholt).
Lieb, Norbert: Barockkirchen zwischen Donau und Alpen. München 1953. (Mit Bauchronologie 1735–1946).
Franz, Heinrich Gerhard: Einflüsse Böhmens in der Barockbaukunst Bayerns und Schlesiens, in: Bauten und Baumeister der Barockzeit in Böhmen. Leipzig 1962.
Bauer, Hermann und Rupprecht, Bernhard (Hrsg.): Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Stadt und Landkreis München, Teil 1: Sakralbauten. München 1987.
Stalla, Robert: Die kurkölnische Bruderschaft-, Ritterordens- und Hofkirche St. Michael in Berg am Laim. Weissenhorn 1989. (Umfassendes Werk zur Planungs- und Baugeschichte von Berg am Laim, mit Bauanalysen und Orts- und Personenregister).
Markhof, Maximilian Mautner: Johann Michael Fischer - St. Michael in Berg am Laim zu München. Seminararbeit bei PD Dr. Uta Schedler an der Uni Passau 1994/95.
Dischinger, Gabriele und Peter, Franz (Hrsg.): Johann Michael Fischer 1692–1766. Band 1, Tübingen  1995 und Band 2, Tübingen 1997. (Mit Beiträgen von Franz Peter und Peter Volk zu Berg am Laim. Im zweiten Band eine Chronologie der Werke Fischers).
Brünner, Jan: Die Retabel von Johann Baptist Straub in der katholischen Pfarrkirche St. Michael in München Berg am Laim. Diplomarbeit Technische Universität München 2009. (Beschreibung der Querachsenaltäre).

Jasek, Sabina: Die Hochaltarbilder von Johann Andreas Wolff. Dissertation Wien 2013.

Johann-Michael-Fischer-Gesellschaft (Hrsg.): Sankt Michael und die Josephsburg. Kurkölnische Bauwerke in München-Berg-am-Laim, mit Beiträgen von Christl Knauer-Nothaft, Franz Peter, Bernhard Schütz und Franz Wimmer. Lindenberg 2021.
(Ausführliche neue Baudokumentation mit Berücksichtigung der letzten Gesamtinstandstellung 2000–2017).

Web

Panoramabetrachtung der Kirche, ideal für die zusammenhängende Betrachtung der Ausstattung, vor allem der Altäre. Verfasser: Tibor Hlozanek, 85293 Reichertshausen.
https://hlozanek.com/?panorama=st-michael-in-muenchen-berg-am-laim

In einer Website, die sich der Baukultur Münchens widmet, ist auch der Beitrag zu St. Michael in Berg am Laim von Leonhard Westermayr enthalten. Der Verfasser hat mir die Erlaubnis zur Verwendung seiner Fotos gegeben. Ich danke ihm dafür auch an dieser Stelle recht herzlich.
https://club.baukultur.pictures/forum/index.php?thread/9467-münchen-die-kirchen-galerie/&postID=361773#post361773


Anmerkungen:

[1] Joseph Clemens Kajetan von Bayern (1671–1723) ist der zweite Sohn des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern und der Kurfürstin Henriette Adelaide von Savoyen. Sein Bruder ist der 1679–1704 und 1714–1726 regierende bayrische Kurfürst Max Emanuel. Dieser sorgt im Interesse des Hauses Wittelsbach für die mehrfache Wahl des jüngeren Bruders als Fürstbischof deutscher Bistümer. 1685 wird Joseph Clemens, erst 14-jährig, Fürstbischof von Freising und Regensburg, 1688 Kurfürst und Erzbischof von Köln, 1694 auch Bischof von Lüttich. Die Wahlen erfolgen mit erheblichen Schmiergeldern des bayrischen Kurfürsten. Nach der Wahl in Lüttich muss Joseph Clemens auf Regensburg und Freising verzichten, wird aber in Regensburg 1695 trotzdem wiedergewählt. Nur die Domkapitulare von Freising beweisen Charakter und wählen gegen den Willen des bayrischen Kurfürsten einen anderen Fürstbischof. Einen weiteren Bischofssitz erringt er 1702 in Hildesheim. Nur der Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges verhindert ihn an der Übernahme weiterer Fürstbistümer. Im Krieg nimmt Joseph Clemens, wie sein Bruder, Partei für die Franzosen und muss vor den vordringenden siegreichen alliierten Truppen 1702 nach Namur, 1704 nach Lille und 1708 nach Valenciennes fliehen. Erst 1715 darf er zurückkehren. Mehr siehe in der Wikipedia unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Clemens_von_Bayern.

[2] Eine Hofmark ist im Kurfürstentum Bayern eine Herrschaftsform, in welcher der Grundherr gleichzeitig Gerichtsherr ist. Er kann die Untertanen auch zu Frondiensten beiziehen. Joseph Clemens erbt die Hofmark Berg am Laim in der Form eines Fideikommiss, in welchem das Erbe als unveräusserlicher Besitz an ein Familienmitglied der Wittelsbacher im geistlichen Stand zufällt. Die Hofmark Berg am Laim umfasst zur Zeit der Erbschaft das Hofmarkschloss mit den Schlossgründen, einer Loretokapelle und wenigen Häusern. 1813 sind es 54 Häuser.

[3] Die Loretokapelle wird 1850 abgerissen. Der oktogonale, zweigeschossige Turmbau im Garten mit Zugang vom Schloss hat bis heute keinen Historiker interessiert.

[4] Mit der ersten Plandarstellung im «Sondermayr»-Stich zum Neubau der Kirche 1735 wird der im Wening-Stich dargestellte Zuccalli-Bau im Grundriss bestätigt. In der Literatur werden die Abschlussbauten, obwohl nur durch Zeltdach und Zweigeschossigkeit hervorgehoben, als Eckpavillons beschrieben.

[5] Enrico Zuccalli (1642–1724) aus Roveredo im Misox (Graubünden). Er ist seit 1672 kurbayerischer Hofbaumeister. 1688 beendet er die Schlossanlage von Lustheim, dessen Bau auch von Joseph Clemens mitverfolgt wird. Zu Zucalli siehe die Biografie und das Werkverzeichnis unter https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Zuccalli_Enrico.html.

[6] Im neuen Band «St. Michael und die Josephsburg» (2021) stellt Architekt Franz Peter die Festungsanlage im Modell vor. Auf Seite 60 ist der Zustand nach dem Bau der Kirche von Johann Michael Fischer gezeigt. Derart besteht die Anlage bis 1772.

[7] Die Überschrift «St. Michaëlis-Kirch» anstelle «Josephsburg» könnte auf eine bereits früh geplante Kirche anstelle der damaligen Kapelle hinweisen.

[8] Die Michaelsbruderschaft erhält 1725 vom Papst das Privileg einer Erzbruderschaft. 1728 sind 80 000 zahlende Mitglieder eingeschrieben.

[9] Clemens August von Bayern (1700–1761) ist Sohn des bayerischen Kurfürsten Max II. Emanuel und der zweiten Ehefrau Teresa Kunegunde Sobieska. Er wird in Brüssel geboren. Seine Eltern sieht er erst mit 15 Jahren nach elfjähriger Trennung wegen des Spanischen Erbfolgekrieges wieder. Nicht nur den kölnischen Kurfürstensitz erreicht er  mit Bestechungen der wählenden Domherren (Plattenberg spricht 1723 von vielleicht 100 000 Taler für den Kölner Sitz). Politisch ist er ein Chamäleon, erst 1756 schliesst er sich dauerhaft Habsburg an. Mehr zu Clemens August siehe in der Wikipedia-Biografie unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_August_von_Bayern.

[10] Für die Hochzeitsfeierlichkeiten gibt Kurfürst Max II. Emanuel 1722 vier Millionen Gulden aus, mehr als die gesamten Jahreseinnahmen des Staates. Er hinterlässt 1726 Schulden von 26 Millionen Gulden.

[11] Franz de Paula Würnzl (1686–1759) aus Wasserburg am Inn, Sohn eines Maurers. Als Hofmarksrichter ist er Kurkölner Lehensträger und wird mit den Abgaben eines Bauernhofs in Berg am Laim entschädigt. Seine Ausbildung und Tätigkeit vor 1720 ist nicht bekannt.

[12] Johann Michael Fischer (1692–1766) aus Burglengenfeld, Baumeister («Maurermeister») seit 1723 in München.
Mehr zu Johann Michael Fischer siehe in der Biografie dieser Webseite unter https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Fischer_Muenchen.html

[13] Anton Kajetan Unertl (1685-1753) ist gleichzeitig Vizedirektor des kurbayerischen Geistlichen Rates und Mitglied des kurkölnischen Geistlichen Rates, Propst des Kollegiatstifts St. Ulrich in Habach, Dekan von St. Peter in München und hochfürstlicher Freisingischer Kommissarius. Vom Freisinger Fürstbischof, einem Bruder des Kölner Fürstbischofs, wird er mit der Überwachung der Planungsarbeiten in Berg am Laim beauftragt. Unertl hat Fischer schon 1729 bei Planungen für St. Peter durch Ignaz Anton Gunetzrhainer ersetzt und darf deshalb als persönlicher Feind des Baumeisters betrachtet werden. Als Vizepräfekt der bauverantwortlichen Erzbruderschaft zum hl. Michael dürfte er auch den Bauverwalter Würnzl direkt zum Auftrag an Köglsperger gedrängt haben.

[14] Philipp Jakob Köglsperger (1707–nach 1754) aus München. Er lernt das Handwerk bei seinem Vater, dem Hofmaurermeister Philipp Köglsperger. 1726/27 ist er in Nymphenburg unter Baumeister Effner tätig. Während der Gesellenwanderung 1727–1730 in Böhmen ist er auch zwei Jahre bei Kilian Ignaz Dientzenhofer tätig. 1730 kehrt er zurück und ist Hofmaurerpalier bei Hofbaumeister François Cuvilliés. Nach dem Tod des Vaters kann er dessen Meistergerechtigkeit wegen der erneuten Heirat seiner Mutter mit Baumeister Leonhard Matthäus Giessl 1730 nicht übernehmen. Er ist in der Folge an Projekten von François Cuvilliés beteiligt, so 1733–1735 am Kirchenneubau in Schäftlarn und 1737 noch am Palais Portia in München. 1744–1748 ist er im bayerischen Innviertel tätig. 1750–1754 baut er die Pfarrkirche des Klosters Asbach, die nach 1803 abgerissen wird. Norbert Lieb beschreibt ihn 1941 als «eine der merkwürdigsten Gestalten der Münchener Architekturgeschichte des 18. Jahrhunderts».

[15] François Cuvilliés (1695–1768) aus Soignies bei Mons. Hofbaumeister. Er ist bevorzugter Baumeister der beiden Kurfürsten Clemens August (1729/34 Jagdschloss Falkenlust in Brühl) und Karl Albrecht (Reiche Zimmer der Residenz 1729–1737). Zusammen mit Johann Baptist Zimmermann baut er 1734 das Inkunabel-Bauwerk des höfischen süddeutschen Rokokos, die Amalienburg im Garten von Nymphenburg. Siehe zu Cuvilliés die Biografie unter https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Cuvillies_Francois.html.

[16] Eine Veröffentlichung 1741, die als Jungwirth-Stich 1741 erscheint, basiert unbestritten auf der Planung Fischers. Sie wird hier wegen der zeichnerischen Unbedarftheit des Stechers nicht behandelt.
Höchst umstritten ist hingegen der sogenannte Luzerner Plan, der erst Ende des 18. Jahrhunderts auftaucht und von den Kunsthistorikern Heinrich Gerhard Franz 1962 und Robert Stalla 1989 als Plan Köglspergers um 1737 gesehen wird.
Der Plan ist (ohne Kommentar) abrufbar unter
https://www.sueddeutscher-barock.ch/Bilder_jpg/grafik/Muenchen/Berg_am_Laim_Luzernerplan_Gr.jpg.

[17] Der Entwerfer ist bei einem Architektur-Stich meist unter «del.» vermerkt. Bei beiden beschriebenen Stichen von St. Michael in Berg am Laim fehlt dieser Hinweis. Stiche weisen aber selbst bei Angaben des Planers meistens «Verbesserungen» des Stechers auf. Wo diesem die Erfahrung in Baukunst fehlt, und dies gilt für den kurkölnischen Augsburger Kupferstecher Sondermayr ebenso wie für den Münchner Hofmaler Franz v. Sales Schaur, dürfen die Stiche nicht als präzise Übernahme eines Planes beschrieben werden. Für Architekturdarstellungen von barocken Kirchenfassaden wird meist auch ein Grundrissausschnitt beigefügt. Man vergleiche etwa den Schaur-Stich mit dem Cuvilliés-Stich der Theatinerkirche (gestochen durch seinen Sohn) unter: https://www.sueddeutscher-barock.ch/Bilder_jpg/grafik/Muenchen/Theatiner_Fass_Cuvillies_Gr.jpg.

[18] Der Entwurf zur Klosterkirche Unserer Lieben Frau der Augustiner-Eremiten in Ingolstadt von Johann Michael Fischer liegt 1734 vor. Nach zwei Bombentreffern 1945 wird die Bauruine 1950 abgerissen. Die Ähnlichkeit des Würnzl-Zentralraums mit Ingolstadt könnte mit der Planungseinsicht Würnzls bei Johann Michael Fischer in München erklärt werden, denn die Ingolstädter Kirche wird erst 1735 begonnen. Obwohl eine Planung Fischers für Berg am Laim vor 1737 nicht dokumentiert ist, könnte die Kontaktaufnahme zum Baumeister tatsächlich schon 1734 stattgefunden haben.

[19] Von Franz Peter wird dies in «St. Michael und die Josephsburg» (2021) auf Seite 89 versucht und in ein Proportionssystem gelegt.

[20] Die Fremdwörter für Vorwölbung (Konvex) und Einwölbung (Konkav) werden in diesem Beitrag mehrfach verwendet. Als Merkhilfe deshalb hier der Reim: «Ist das Mädchen brav, bleibt der Bauch konkav. Hat das Mädchen Sex, wird der Bauch konvex».

[21] Bernhard Schütz in «St. Michael und die Josephsburg» (2021). Darf man in der Satzeinfügung der fehlenden Integration Cuvilliés einen Grund sehen, warum der geniale Hofbaumeister bei einigen Bauten von Michael Fischer zwar nachweisbar wichtiger Mitplaner ist, aber kaum je erwähnt wird?  
Zur mangelnden Integration Cuvilliés muss angemerkt werden, dass er sein ganzes Leben an Wittelsbacher Höfen verbringt. Hier wird zwar deutsch geschrieben, aber vor allem französisch gesprochen. Die französische Kultur ist an den absolutistisch regierten Höfen wichtiges Vorbild. Die deutsche Sprache ist für einen Baumeister nur auf der Baustelle notwendig, und hier hat er mit dem Palier seinen Interpreten. Es ist damals wie heute für einen französischen Künstler nicht notwendig, in Deutschland deutsch zu sprechen.

[22] Gabriele Dischinger (1997) nennt den 29. September 1740 für die Eindeckung. Norbert Lieb (1953), Robert Stalla (1989) und Franz Peter (2021) nennen 1742 .

[23] Kurfürst Karl Albrecht, Sohn des für die bayerische Unterjochung 1704–1714 verantwortlichen Fürsten, eröffnet gemeinsam mit den Franzosen den Krieg gegen Österreich im Herbst 1741. Seine Truppen stossen über Oberösterreich nach Böhmen vor. In Prag lässt er sich zum König krönen. Anfang 1742 folgt in Frankfurt die Kaiserkrönung, im gleichen Monat sind die siegreichen Österreicher wieder in Bayern und besetzen München. Erst mit dem Tod des Kurfürsten und Kaisers Anfang 1745 endet der Krieg. Seinem Sohn bürdet er Schulden von 35 Millionen Gulden auf, mehr als das 8-fache des Staathaushaltes.

[24] Johann Baptist Straub (1704–1784) aus Wiesensteig. Hofbildhauer in München seit 1737. Seit 1736 andauernde Zusammenarbeit mit François Cuvilliés. Er wird auch von Fischer gefördert, der ihm bereits 1741 den Auftrag für den Tabernakel in Fürstenzell vermittelt. In Berg am Laim erstellt er alle Altäre zwischen 1744 und 1767. Zu ihm siehe die Biografie unter: https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Straub_Johann_Baptist.html.

[25] Johann Baptist Zimmermann (1680-1758) aus Wessobrunn, Hofstuckateur in München. Als Stuckateur seit 1726 Zusammenarbeit mit François Cuvilliés, mit ihm zusammen das Meisterwerk der Amalienburg. Siehe zu Zimmermann: https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Zimmermann_Joh_Baptist.html

[26] Joseph Marian (um 1700–1752) aus Wessobrunn. Hofstuckateur in München. Er ist immer Mitarbeiter von Johann Baptist Zimmermann.

[27] Johann Andreas Wolff (1652–1716) aus München. Lehre beim Vater. Maler am Hof von Kurfürst Max II. Emanuel und am Hof des Fürstbischofs von Freising. Lehrer von Johann Georg Bergmüller und Johann Degler. Ausserordentlich produktiver Maler von Altarblättern. Zu ihm siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Wolff_(Maler).

[28] Über diesen, nur von Norbert Lieb erwähnten Kistler habe ich keine biografische Daten gefunden.

[29] Johann Michael Kauffmann (1713–1786) aus Wolfegg in Oberschwaben. Er ist seit 1745 in kurkölnischem Hofdienst als Porträtmaler tätig. In seiner Werkstatt arbeitet ab 1760 auch Christian Wink (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Wink). Kauffmann ist auch Fassmaler der Seitenaltäre bis 1762.

[30] Anton Bayr (gemäss Wikipedia 1716–um 1792) aus Heidingsfeld bei Würzburg.
Gemäss https://orgeln.musikland-tirol.at/ob/Bayr-Anton.html aber «Geb. 21. Feb. 1715 in Weldingsfelden b. Ingelfingen (Württemberg), gest. 22. Apr. 1792 in München. Er wird 1745 Bürger in München und heiratet die Witwe des Orgelbauers Joh. Ignaz Philipp Hillenbrandt (Hillebrandt). Mit angeblich etwa 160 gebauten Orgeln ist er der bedeutendste Orgelbauer Oberbayerns in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts».

[31] Die Erwähnung des Orgelbauers Anton Bayr für St. Michael Berg in Laim ist nicht selbstverständlich. Im «Organ Index» unter https://organindex.de/index.php?title=M%C3%BCnchen/Berg_am_Laim,_St._Michael ist er als Orgelbauer erwähnt. Das Instrument, dessen Disposition unbekannt ist, bleibt bis 1917 bestehen und wird dann dreimal neu gebaut, das letzte Mal 1996/97. In der kunsthistorischen Literatur findet die Orgel keine Erwähnung. Das heutige, viel zu grosse und mit neubarocken Dekorationen überhäufte Prospektgehäuse steht erst seit 1997 auf der Orgelempore. Es löst einen fast gleichbreiten Nachkriegs-Prospekt mit Freipfeifen-Türmen ab. Weil weder über das Orgelwerk noch über den Rokoko-Prospekt der Orgel von 1747 etwas bekannt ist, wird sie hier im Beschrieb der Ausstattung nicht mehr behandelt.

[32] Franz Joseph Muxel (1745–1812) aus Bezau im Bregenzerwald. Zu ihm siehe die Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Joseph_Muxel.

[33] Bernhard Schütz in: Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben 1580–1780. Hier prägt Schütz auch den Begriff des Acht-Arkaden-Oktogons für die Zentralräume Fischers.

[34] Freystadt von Giovanni Antonio Viscardi 1700–1710,
Zur Wallfahrtskirche Freystadt siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/a-g/Freystadt.html.

[35] Murnau von P. Roman Dechamps und Johann Mayr 1717-1729,
Zur Kirche Murnau siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/h-r/Murnau.html.

[36] Zur Augustinereremiten-Kirche Ingolstadt siehe https://www.ingolstadt.de/media/custom/465_2085_1.PDF,
zur Kirche Maria Schnee in Aufhausen siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Augustinerkirche_(Ingolstadt).

[37] Zur Piaristenkirche Maria Treu in Wien siehe die in dieser Seite eingefügten Grundrissvergleiche und die Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Piaristenkirche_Maria_Treu_(Wien).

[38] Alle weiteren Fassaden Fischers sind eingeschossig, selbst in Ottobeuren, wo er abermals eine Säulenordnung an der Fassade anwendet. Zu Genese der Fassadenplanung siehe die Ausführungen zum Schaur-Stich unter dem Kapitel Planungen 1735–1738 und die Anmerkung 17.

[39] Abteikirche Banz, Fassade von Johann Dientzenhofer 1718,
Die Fassade siehe in https://www.sueddeutscher-barock.ch/Bilder_jpg/werkbild/b/Banz_A_4_Wiki_2_Tuerme_Gr.jpg.

[40] Münsterschwarzach, Planung Joseph Greissing 1727 (SE 58), Modell im Bayerischen Nationalmuseum München. Planung Balthasar Neumann (SE 70) siehe: https://www.sueddeutscher-barock.ch/Bilder_jpg/grafik/m/M-schwarzach_1736Gr.jpg.

[42] Fassade St. Peter Wien von Johann Lucas von Hildebrandt 1734 siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Peterskirche_(Wien). Auf sie weist Bernhard Schütz 2021 wegen ihrer konkaven Mitte hin.

[43] Kirche St. Maria Magdalena in Karlsbad (Karlovy Vary) 1733–1736 von Kilian Ignaz Dientzenhofer, siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Maria_Magdalena_(Karlsbad).

[43] Franz Peter und Bernhard Schütz (2021), aufgrund eines konkaven Mauerziegel (!)-Fundamentes vor der heutigen Fassade. Allerdings baucht sich auch der Ädikula-Mittelteil der Fischer-Fassade hier konkav zurück.

[44] So schon Max Hauttmann 1921 in: Geschichte der kirchlichen Baukunst in Bayern, Schwaben und Franken: «Die Kirche von Berg am Laim durchzieht ein Element klassischer Reinheit, das sich nicht allein durch den höfischen Auftrag motivieren lässt und sie für unser Gefühl aus den Fischerschen Bauten heraushebt. Es ist uns willkommen, dass die Archivalien neben Fischer auch Cuvilliés nennen. Aus seiner Beteiligung, die auch durch seine Beziehungen zu Clemens August von Köln nahegelegt wird, liesse sich diese, den italienisierenden deutschen Bauten fremde, wohl aber auf Französisches hinweisende Note erklären».
Robert Stalla setzt 1989 gleich den Titel: «St. Michael in Berg am Laim – Ein Gemeinschaftswerk von J. M. Fischer, F. Cuvilliés, J. B. Zimmermann und J. B. Straub».

[45] Die korinthischen Kapitelle sind auffallend antikisierend gestaltet. In Dietramszell (1741) leistet sich Zimmermann noch eine freie Gestaltung.

[46] Franz Ignaz Oefele (1721–1797) aus Posen. Kindheit und Schulen in Landsberg am Lech. Schüler von Gottfried Bernhard Göz in Augsburg. 1751–1756 Mitarbeiter von Hofmaler Balthasar Augustin Albrecht in München. Italienaufenthalt bis 1763. Hofmaler in München 1765. 1770 erster Professor an der Akademie München.
Mehr zu ihm in https://erdteilallegorien.univie.ac.at/personen/franz-ignaz-oefele#.

[47] Guido Reuter in: Barocke Hochaltäre in Süddeutschland 1660–1770. Petersberg 2002.

[48] Der Tabernakel enthält im unteren Teil das Ziborium für die Messfeier und darüber die Engelsmonstranz der Erzbruderschaft für die Aussetzung der Hostie am Altar. Um die Standfläche der Monstranz ist der Tabernakel figural als Tisch in der Herberge von Emmaus gestaltet. Links sitzt Christus und bricht das Brot. Neben ihm steht ein junger Mann mit Kelch, Kanne und Tablett. Rechts sind die zwei Jünger gruppiert, von denen einer sich ans Herz greift und der andere überrascht aufspringt.
Die Ausführung des Tabernakels weicht erheblich vom kompakteren und künstlerisch bedeutenderen Entwurf ab. Der Entwurf ist hier als Ausschnitt aus dem Altarentwurf 1766/67 abgebildet. Die Ausführung ist steifer, die Szene auseinandergerissen, der Aufbau bereits klassizistisch öde. Auch der Stipes der Altarmensa ist im Entwurf deutlich eleganter als in der Ausführung.

[49] Johann Georg Winter (1707–1768/70). Er soll nach Füssli (1820) in Groningen im Brabant (Spanischen Niederlande) als Sohn eines kurbayerischen Unteroffiziers geboren sein. Groningen ist allerdings seit 1594 Teil der Republik der Vereinigten Niederlande. Seit 1744 ist Winter Hofmaler in München und auch am Hof des Kurfürsten Clemens August tätig.

[50] Joseph Ignatius Schilling (1702–1773) aus Villingen, Lehre beim Vater, Schüler von Johann Georg Sang in München, 1749 Hofmaler. Zu ihm siehe: https://erdteilallegorien.univie.ac.at/personen/joseph-ignaz-schilling#.

[51] Johann Jakob Feichtmayr (1704–1767) aus Ulm-Söflingen, Vergolder und Fassmaler, Neffe des Wessobrunner Baumeisters Caspar I Feichtmayr, Hofvergolder in München, ab 1754 mit Hofschutz in Eichstätt, Wohnung auf der Willibaldsburg.

[52] Für den Maler Wolfgang Gartenschmidt aus Brixen, der 1741–1758 in München tätig ist, sind keine Lebensdaten bekannt.

 

 

 

 

 








St. Michael in Berg am Laim, München
Innenraum
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
München Kurfürstentum Bayern
Bistum (18. Jh.) Baubeginn
Freising 1738 (1693)
Bauherr und Bauträger der Barockzeit
Kurfürst von Köln, Joseph Clemens Kajetan von Bayern (reg. 1688–1723)
Kurfürst von Köln, Clemens August von Bayern 
(reg. 1723–1761)
Verteter der Erzbruderschaft zum hl. Michael:
Franz de Paula Würnzl (1686–1759).
 
Der Innenraum des Bruderschafts- oder Gemeinderaums in einer Gesamtansicht mit dem Hochaltar und den östlichen Diagonalaltären. Foto: Leonhard Westermayr 2024.
Fassade
Die 1752 fertiggestellte Doppelturm-Westfront. Foto: Fentriss 2020 in Wikipedia.
PDF11
Kirchengrundriss auf Niveau Erdgeschoss mit eingetragenen Altären. Für Legende und Quellenhinweise bitte anklicken.
Längsschnitt von Max Gruber 1952 aus Norbert Lieb 1953, leicht überarbeitet.
Die Stiche der Projektphase
Sondermayr
Der Sondermayr-Stich von 1735 wird nach dem Namen des Augsburger-Stechers benannt, weil sein Entwerfer unbekannt ist. In die korrekt aufgenommene und gezeichnete Josephsburg («Daß schon stehent alte Gebäu») mit der Michaelskapelle [13] fügt der Entwerfer in der Mitte einen Kirchenneubau ein. Im Grundriss übernimmt dieser in etwas unbeholfener Art Elemente der Klosterkirche Unserer Lieben Frau der Augustiner-Eremiten in Ingolstadt von Johann Michael Fischer, deren Bau aber erst im Jahr der Stichveröffentlichung beginnt. Dies deutet darauf hin, dass der Herausgeber und vermutliche Verfasser der Zeichnung, Franz de Paula Würnzl, Baumeister Fischer und seinen Entwurf zu Ingolstadt kennen könnte. Das architektonische Patchwork eines Laien setzt sich in der zweigeschossigen Einturmfassade fort. Bildquelle: Erzbischöfliches Ordinariatsarchiv München.
1740
Auch der sogenannte Schaur-Stich von 1740 wird nach dem Namen des Stechers benannt. Er ist eigentlich eine Jahresrechnung der Michael-Erzbruderschaft und zeigt die zu dieser Zeit bereits begonnene Doppelturmfassade mit den Flügelbauten der Jakobsburg. Dem Schaur-Stich muss eine wahrscheinlich um 1737/38 entstandene Doppelturmplanung zugrunde liegen. In ihr ist die französische Handschrift von François Cuvilliés sichtbar, der seit 1737 als «Gutachter» tätig ist. Bildquelle: Universitätsbibliothek Heidelberg.
Die ausgeführte Fassade
Fassade2
Die Doppelturmfassade, fotografiert 2017 von Fentriss in Wikipedia. Siehe auch die Frontalansicht im Titelfoto.
Turm   Fassade3
Bild links: Die dreigeschossige südliche Turmfassade mit den diagonal angesetzten Pilasterpfeilern an den Ecken. Ihr Glockengeschoss und das zurückgesetzte Helmgeschoss heben sich durch eine reichere Gestaltung ab. Foto: Rufus46 2018 in Wikipedia.

Bild rechts: Die eigentliche Fassade, der Mittelteil zwischen den Türmen, ist eine
zweigeschossige, konvex gebauchte Säulen-Ädikula mit kräftigen Doppelsäulen. Die Vorbauchung wird durch die tiefen, gekehlten und geschosshohen Nischen wieder aufgehoben. In der Nische des oberen Geschoss steht der Erzengel Michael. Im unteren Geschoss ist über dem Eingang eine Kartusche von Johann Baptist Straub angebracht. Trotz diesen Plastiken wirkt die Gesamtheit der untern Geschosse nüchtern und schon klassizistisch kühl. Foto: Leonhard Westermayr 2024..
Vorgängerbauten mit Zentralräumen vom Typus des Acht-Arkaden-Oktogons
Vergleiche
Vergleichende Zusammenstellung einiger im Text erwähnten Vorgängerbauten von 1699 bis 1736.

Der Innenraum von Johann Michael Fischer

Alle Fotoaufnahmen des Innenraums: Leonhard Westermayr, München, 2024.
Chor
Die Arkadenöffnung vom Bruderschafts-oder Gemeinderaum in den Chor und in den Altarraum. Ein braunrotes, segelförmig ansteigendes Brokatmuster betont diese «Riesenarkade». Zu den Kuppelfresken und dem Hochaltar siehe unten mehr.
Westseite
Blick aus dem Chorraum nach Westen in den Bruderschafts- oder Gemeinderaum mit der grossen Hauptkuppel, der Orgelempore und den westlichen Diagonalaltären.
Nordseite
Ansicht der Nordseite des Oktogons (Bruderschafts- oder Gemeinderaum) mit der Hauptkuppel. In der Arkadenöffnung der Querachse steht der Portiunkula-Altar. In den beiden Diagonalnischen stehen der Norbert- und der Marienaltar.
Suedseite
Ansicht der Südseite des Oktogons mit der Hauptkuppel. In der Arkadenöffnung der Querachse steht der Altar der Hl. Familie. In den beiden Diagonalnischen stehen der Nepomukaltar (neben der Kanzel) und der Altar des hl. Franz de Paula.
Schraegblick
Diagonaleinblick aus dem Chor in den Südteil des oktogonalen Gemeinde- oder Bruderschaftsraums. Der gegenüberliegend Süd-West-Diagonalaltar (hl. Franz de Paula) wird als Beispiel der vier Diagonal-Nischen-Ausbildungen unten zusätzlich vorgestellt.
Tektonik
Ausschnitt der südwestlichen Diagonalarkade aus dem Bild oben. Die Altarretabel der Diagonalnischen sind gerahmte Bilder mit einer Mensa. Sie sind in die Wandarchitektur eingebunden. Die rahmenden Doppelmotive der Pilasterpfeiler und Säulen und das entsprechend der Rückwand konkav geschwungene, betonte Kranzgesims bilden eine Art erweiterter Altararchitektur. Aussergewöhnlich ist auch die in die Wölbung ragende «Stichkappe» mit senkrechten Wänden und kreisrunder Wölbung.
Schraegblick
Blick vom Chor in die Gewölbe- und Arkadenarchitektur des Gemeinde- oder Bruderschaftsraums. Schön kommt hier der Baldachincharakter der Gewölbebilder zum Ausdruck, der sich mit den dunklen Brokate-«Segeln» und den Pilastern-und Pfeilerpaaren bis zum Bodenniveau fortsetzt.
Gewoelbe1
Blick in das Gewölbe des Gemeinde- oder Bruderschaftsraums. Die mittlere Flachkuppel mit einem Durchmesser von fast 15 Meter scheint zu schweben, weil sie nicht auf den Arkadenbögen ruht, sondern über weit aufschwingenden, sphärisch gekurvten Bögen ansetzt. Der Arkadenbogen wird so vom Gewölbefeld gebildet. Ein braunrotes, segelförmig ansteigendes Brokatmuster betont diese «Riesenarkaden».  
Chorgewoelbe
Die Wölbung des Chors (oder Ritterordensraums) ist konventioneller. Die Flachkuppel ruht auf den Raumwänden des ungleichmässigen Oktogons. In den Querachsen schneiden hohe Stichkappentonnen für die Fenster ein. Die grüngefassten Diagonalnischen enthalten sitzende Stuckfiguren der vier lateinischen Kirchenväter. .
Die Kuppelfresken
Fresko1
Johann Baptist Zimmermann verzichtet in venezianischer Art auf Perspektivarchitektur und auf die Anlage einer Quadratura, und legt den terrestrischen Schauplatz an den Bildrand. Das Mittelfeld bleibt dem Himmel vorbehalten. Dem hellen, blauen Zentrum sind die landschaftlichen Schauplätze mit ihren Farben von Erdbraun bis Grün der Randzone gegenübergestellt. In Berg am Laim richtet er die Fresken auf den aus West eintretenden Betrachter aus und legt das terrestrische Geschehen in die östlichen Kuppelhälften. Im grossen Mittelfresko malt er das erste Wunder des hl. Michael mit der Kartuscheninschrift «Apparitio I S. Michaelis» am Monte Gargano in Apulien. Die einzelnen Szenen sind unten beschrieben.
Foto: Leonhard Westermayr 2024.
FreskoAusschnitt1
In der südlichen Kuppelhälfte ist der Beginn des Geschehens an der Höhle am Monte Gargano zu sehen. Der Herzog will einen entlaufenen Stier erschiessen. Der Pfeil kehrt aber auf wundersame Weise um und trifft den Schützen. Die Szene gilt dem Stier vor der hell erleuchteten Höhle mit dem darüber schwebenden hl. Michael und der ländlichen Jagdgesellschaft, zu der auch Hirten zulaufen.
Foto: Leonhard Westermayr 2024.
FreskoAusschnitt3
Bildausschnitt. Ein Knabe steht im blauen Gewand vor der Jagdgesellschaft.
Foto: Ludwig Gruber 2005.
FreskoAusschnitt2
Der hl. Michael erscheint anschliessend dem Bischof von Siponto und stellt die Höhle unter seinen Schutz. In der Szene der nördlichen Kuppelhälfte führt der Bischof eine grosse Prozession zur Höhle an. In der Prozessionsmitte ist auch der wunderbar genesene Herzog mit Gefolge zu sehen. Im Himmel über der hell belichteten Höhle schwebt der Erzengel.
Foto: Leonhard Westermayr 2024.
FreskoChor
Das Gewölbefresko im Chor- oder Ritterordensraum ist mit «Apparitio II S. Michaelis» untertitelt. Es zeigt das zweite Auftreten des hl. Michael am Gargano. Die Stadt Siponto am Fusse des Gargano wird 491 durch sein Eingreifen von der Einnahme durch die Truppen des Barbarenkönigs Odoaker gerettet. In der Bildmitte wirft der Erzengel in einer hellen Himmelsglorie mit seinem Stab Blitze und Flammen auf die feindlichen Truppen.
Foto: Leonhard Westermayr 2024.
Fresko3
Im kleineren Bild über dem Hochaltar malt Zimmermann das Innere der Höhle am Monte Gargano und den erneut erscheinenden Erzengel Michael mit den Worten «Ich selbst hab diss orth geweÿhet», die er dem Bischof von Siponto überbringt, nachdem Diskussionen um eine kirchliche Weihe der Höhle auftreten. Rechts treten in einer zeitlich unterschiedlichen Ebene der Bischof von Siponto und weitere Bischöfe in die Höhle ein, wo sie den vorbereiteten Altar vorfinden.
 Foto: Leonhard Westermayr 2024.
Stuck
Stuck1
Die höfisch geprägten Stuckaturen ordnen sich der architektonischen Gliederung unter. Ihre symmetrische Ornamentik, im Hauptraum als weisser Stuck in weissen Gewölbeflächen, greift in das goldbraunrote Brokatmuster der sphärischen Gewölbebögen ein. Die Kartuschen über diesen Bögen in den Längs- und Querachsen sind, wie die von ihnen ausgehenden Blatt-Blütengehänge und die gratbegleitenden Rocaillen in einem fleischfarbenen Ockerton hervorgehoben.
Foto: Rufus46 2010 in Wikipedia.
Stuck2
Im Gemeinde- oder Bruderschaftsraum sind die tektonischen Elemente durch Baumeister Fischer vorgegeben. Er formt mit einer Säule und einem Pilasterpfeiler ein Doppelmotiv. Kapitelle  korinthischer Ordnung tragen ein Gebälk mit ausladendem Kranzgesims. Der Pilasterpfeiler folgt zweiseitig dem jeweils konkav gebogenen Gebälk- und Wandverlauf. Er fasst die Diagonalnischen mit den Rahmenretabeln, während die Säule die vier grossen Arkadenöffnungen begrenzt. Die Grünfarbigkeit der Pilaster und Friese und die Rotfarbigkeit der Säulen täuscht Stuckmarmor vor, ist aber Malerei und deshalb auch ohne glänzende Oberfläche.  
Foto: Rufus46 2010 in Wikipedia.
Stuck3
Im Gewölbefuss des Chor- oder Ritterordensraums sitzen in den grüngefassten Nischen die Stuckfiguren der vier Kirchenväter, hier Papst Gregor der Grosse.
Foto: Rollroboter 2014 in Wikipedia.
Der Hochaltar
Hochaltar
Johann Baptist Straub erstellt den Hochaltar erst 1767. Bis zu diesem Zeitpunkt dient noch das 1745 in den Neubau transferierte Retabel von Johann Andreas Wolff. Nur das Altarblatt Wolffs wird übernommen. Zwei gekuppelte schlanke Säulenpaare auf blockhaft geschlossenen Postamenten, mit hohen Architraven und weit ausladendem Gesims sind oben nur durch eine Baldachinspange verbunden. Das Retabel fügt sich konkav geöffnet in die seitliche Säulen-Pilaster-Architektur auch farblich ein.
Foto: Leonhard Westermayr 2024.
Blatt
Das Altarblatt von 1693 wird 1767 vor allem nach unten verlängert. Wolff malt den hl. Michael als Sieger über Luzifer. Während Michael mit dem Feuerschwert den gefallenen Erzengel in die Tiefe stürzt, hält er mit der linken Hand die Siegespalme in die Höhe.
Foto: Leonhard Westermayr.2024.
Oberstueck
Auf dem Säulengebälk des Altarretabels weisen Engel zur Mittelgruppe des «Auszugs» hin. Dieses Oberstück ist eine freiplastische Bildhauerarbeit. Vor einer Strahlenglorie zwischen zwei Pilastern einer angedeuteten Ädikula thront Gottvater auf der Erdkugel, zu seinen Füssen schwebt ein weiterer Engel.
Foto: Leonhard Westermayr 2024.
Entwurf
Tabernakel
Der Tabernakel von Johann Baptist Straub in Entwurf und Ausführung. Er enthält im unteren Teil das Ziborium für die Messfeier und darüber die Engelsmonstranz der Erzbruderschaft für die Aussetzung der Hostie am Altar. Um die Standfläche der Monstranz ist der Tabernakel figural als Tisch in der Herberge von Emmaus gestaltet. Die Ausführung des Tabernakels weicht erheblich vom kompakteren und künstlerisch bedeutenderen Entwurf ab.
Bildquelle Entwurf: Städel-Museum Frankfurt.
Foto: Cmcmcm1 2022 in Wikipedia.
Seitenaltäre und Kanzel
Alle Fotoaufnahmen:
Leonhard Westermayr, München 2024
Zur Lage der Altäre siehe den Grundriss oben.
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Die grossen Säulen-Retabel in den Querachsen werden von Johann Baptist Straub 1758/59 aufgerichtet. Der architektonische Aufbau folgt im Grundriss dem durch die Sockel der Wandsäulen-Pilaster vorgegebenen Halbkreis.
Bild links: Portiunkula-Altar
Altarblatt: Oben der kreuztragende Christus und unten der hl. Franziskus, der aus der Hand Mariens den sogenannten Portiunkula-Ablass entgegennimmt, den Papst Honorius 1216 gewährt. Maler ist Johann Baptist Zimmermann.
Assistenzfiguren sind die Apostel Jakobus der Jüngere und Thomas.
Auf der Mensa steht ein Schrein mit dem «Heiligen Leib» des Clemens.
Bild rechts: Altar der Hl. Familie
Altarblatt: Die Heilige Familie. Maler ist Johann Georg Winter.
Auf den Säulengebälken steht der Karmeliter Johannes vom Kreuz und sitzt der Franziskaner Johannes von Capestrano.
Assistenzfiguren sind die Apostel Philippus und Bartholomäus.
Auf der Mensa steht ein Schrein mit dem «Heiligen Leib» des Benediktus.
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Diagonalaltäre Ost (vorne).
Bild links: Maria-Immaculata-Altar.
Altarblatt: Maria, die mit dem linken Fuss auf dem Kopf der Schlange (diese mit Apfel) und dem Erdball, mit dem rechten Fuss aber auf der Mondsichel steht. Sie hält in der linken Hand eine Lilie, rechts reicht ihr ein Engel einen Kranz mit Rosen. Unten sitzen auf dem Gnadenbrunnen zwei Putti. Im Himmel schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Maler ist Johann Baptist Zimmermann.
Assistenzfiguren sind die Apostel Petrus und Andreas.
Bild rechts: Johann-Nepomuk-Altar
Altarblatt: Der hl. Johann Nepomuk wird 1393 auf der Prager Burg dem König Wenzel IV. zur Verurteilung zugeführt. Maler ist Johann Baptist Zimmermann.
Assistenzfiguren sind die Apostel Johannes und Jakobus der Ältere.
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Diagonalaltäre West (hinten)
Bild links: Altar des hl. Franz von Paula.
Altarblatt: Szene, in welcher Franz von Paula, Gründer des franziskanischen Paulanerordens, ein blindgeborenes Kind heilt. Maler: Joseph Ignatius Schilling.
Assistenzfiguren sind die Apostel Judas Thaddäus und Matthias.
Bild rechts: Norbert-Altar.
Altarblatt: Triumph des hl. Norbert von Xanten über den Irrlehrer Tanchelm. Dieser, Leugner der Eucharistie, wird vom erhöht unter einem roten Traghimmel stehenden hl. Norbert, dem Gründer des Prämonstratenserordens, mit Hilfe der Monstranz «gebodigt».
Assistenzfiguren sind die Apostel Matthäus und Simon. Maler: Joseph Ignatius Schilling.
Kanzel
Kanzel, 1745 von Benedikt Hassler als Kopie der Kanzel von Egid Quirin Asam von 1734 für die Damenstiftskirche St. Anna in München.