Die vorbarocke Einturmfassade
Als Einturmfassade oder Einturmfront bezeichnet man den axial in eine Eingangsfront integrierten Turm (clocher porche) eines Sakralbaus. Nur Türme in einer Eingangszone fallen unter diesen Begriff. Die Einturmfassade ist ein nordischer Bautyp, in der Spätgotik vor allem bei den grossen Bürgerkirchen und Kathedralen beliebt.[1] Sie erreicht aber selbst in dieser Blütezeit nördlich der Alpen nie die Verbreitung der Doppelturmfassaden. In Italien sind Türme in der Eingangszone zur gleichen Zeit eine absolute Seltenheit.
Erst um die Jahrhundertwende wird das Thema von axialen Türmen in der Eingangsfassade und ihre integrative Verschmelzung mit der Fassade wieder aufgenommen. Einen Startschuss setzt Antonio Petrini[2] 1696 mit dem Turm der Universitätskirche Würzburg. Nun breiten sich Einturmfassaden vor allem in Süddeutschland und Niederösterreich stark aus. Sie zeigen schnell verschiedene Ausprägungen.
| Die Einturmfassade im Barock Noch im süddeutschen Barock des 17. Jahrhunderts ist die Doppelturmfassade bei wichtigen Sakralbauten die verbreitete Bauform. Für die barocke Einturmfassade setzt die Hof- oder Jesuitenkirche von Neuburg an der Donau ein erstes machtvolles Zeichen. Sie wird, vermutlich noch nach einem Entwurf von Joseph Heintz (1564–1607), vom Misoxer Baumeister Hans Alberthal 1624–1627 gebaut. Der Turm ist hier in eine dreiteilige Risalitfassade vollständig integriert. Die Einturmfassade von St. Paul in Passau wird 1667–1678 nach dem Stadtbrand wiederaufgebaut. Sie übernimmt aber mit ihrer fünftteiligen Fassade und dem axialen Turm vermutlich die Vorgaben des Vorgängerbauwerks. Erst um die Jahrhundertwende wird das Thema von axialen Türmen in der Eingangsfassade und ihre integrative Verschmelzung mit der Fassade wieder aufgenommen. |
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| 1624/27 Jesuitenkirche Neuburg an der Donau. Foto: Bieri 2017. |
1667/78 St. Paul in Passau.
Foto: Gras-Ober 2014. |
1696 Neubaukirche in Würzburg. Foto: Bieri 2018. |
| Typus | Im Text oder im Bild erwähnte Orte | |
| A | Der Turm steht als gestalterisch ungebundener Körper axial in voller Tiefe der Fassade vor. | Universitätskirche Würzburg 1696, Schuttern 1722. |
| B1 | Der Turm steht der Fassade vor. Ihre Gliederung wird übernommen. | St. Paul Passau 1667, Ursulinen Neuburg 1699, Ensdorf 1711, Merdingen 1738, Hilzingen 1747. |
| B2 |
Der Turm steht der dreiteiligen Fassade vor, ist aber abgestuft oder gekehlt mit ihr verbunden. Das Fassadenmodell wird auf den Turm übertragen. | Hofkirche Neuburg 1624, Friesenhausen 1713, Theres 1716, Etwashausen 1741, Riegel 1743, St. Paulin Trier 1743, Mundelfingen 1751. |
| B3 | Der Turm ist kaum vorstehend, aber durch seine Gliederungen als selbständiger, vertikaler Körper betont. | Obermedlingen 1709, (Birnau 1746), Engelszell 1754. |
| C1 | Der Turm wächst optisch hinter der dreiteiligen Fassade heraus, ist aber in die Fassadenarchitektur eingebunden. | Zwettl 1723, Wiesentheid 1727, Maria Steinbach um 1755/60, Rastatt 1756, Altomünster 1768. |
| C2 | Der Turm wächst in den Obergeschossen hinter der vorgeblendeten Fassade frei heraus. | Schäftlarn 1751, Turm 1712. |
Beispiele von Einturmfassaden der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
| Barocke Einturmfassaden des Vorarlbergers Valerian Brenner Eine der ersten Einturmfassaden baut Valerian Brenner[3] 1699–1701 für die Ursulinenkirche in Neuburg an der Donau. Völlig anders als die Einturmfassade der nahen Hofkirche betont er den schlanken Mittelturm durch seine vertikale Freistellung als selbständigen Körper, integriert in die dreiteilige Fassade mit deren Pilaster- und Gebälkgliederung. Sie nimmt vor allem die späteren Fassaden von Peter Thumb vorweg. Völlig anders gestaltet Brenner 1709–1717 die Einturmfassade der Dominikaner-Klosterkirche Obermedlingen bei Dillingen an der Donau. Der 73 Meter hohe Frontturm steht hier nur um Pilasterbreite der dreigeteilten, in jeder Hinsicht unakademisch und einzigartig gestalteten Fassade vor. |
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| Ursulinenkirche Neuburg an der Donau (Foto: Bieri 2008) und Dominkanerkirche Obermedlingen (Foto: Ikü 2025) | |||||
| Barocke Einturmfassaden des Vorarlbergers Joseph Greissing und ihre Nachfolge in Franken Der in Oberfranken wirkende Vorarlberger Joseph Greissing[4] ist 1713 Baumeister der Schlosskirche Friesenhausen in Unterfranken, der ersten barocken Einturmfassade in Mainfranken. Er setzt damit den Grundstein einer fränkischen Tradition von Einturmfassaden, die vom ersten Moment an eine erstaunliche architektonische Qualität aufweisen. 1716–1721 baut er die Einturmfassade der Stiftskirche Theres in Obertheres am Main. Der Turm steht einer dreiteiligen und zweigeschossigen Fassade mit Attika vor, verbindet sich abgestuft nach hinten und bildet mit seinem dritten Geschoss auch den Giebel mit den seitlichen Anschwüngen. Die stark vom klassischen französischen Barock geprägte Fassade hat im fränkischen Raum grosse Nachwirkungen, so auf Johann Georg Seitz[5] (Wiesentheid 1727/32) und den Greissing-Schüler Balthasar Neumann[6] (Kitzingen-Etwashausen 1741 und St. Paulin in Trier 1744). |
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| 1. Klosterkirche Theres. Fassadenplan Greissing 1716. 2. Mauritiuskirche Wiesentheid 1728/32. Foto: Bieri 2013. 3. Kreuzkapelle in Kitzingen-Etwashausen 1741. Foto: Bieri 2013. 4. Kirche St. Paulin in Trier 1744. Foto: Berthold Werner 2018. |
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| Einturmfassaden des Vorarlbergers Peter Thumb Peter Thumb[7] setzt sich in den 1730er-Jahren als einziger Vorarlberger Baumeister intensiver mit dem Typus auseinander. Ihm wird schon 1722 der Bau des axial vor der Stiftskirche Schuttern stehenden Eingangsturm zugeschrieben. Die Einturmfassade von Hilzingen im Hegau baut er 1747/50 noch im Typus des von der Fassade abgesetzten Turms. Sein gleichzeitig gebauter Turm der Wallfahrtskirche Birnau entzieht sich mit der Einbindung in die Annexbauten einem Typenvergleich. Thumb scheint aber vor dem Bau seiner Einturmfassade in Mundelfingen im Schwarzwald (1750/51) Einflüsse aus der Ortenau verarbeitet zu haben. Er hält sich 1738 in Rastatt und 1740 in Bruchsal auf. Kontakte mit dem Neumann-Schüler Franz Ignaz Krohmer[8] sind zwar möglich. Eher aber dürfte er die Saalkirche des Breisgauer Liebhaberarchitekten Franz Rudhart[9] in Riegel am Kaiserstuhl gekannt haben. In ihr arbeiten 1743 Johann Georg Gigl und Benedikt Gambs, beide auch in Kirchen von Thumb tätig. |
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| Klosterkirche Schuttern 1722. Foto: Bieri 2008. |
Pfarrkirche Riegel 1743. Foto: Subass 1 2022 in Wikipedia. |
Pfarrkirche Hilzingen 1747/51. Foto: Erwin Reiter 2024. Arch.-Büro Wieser. |
Wallfahrtskirche Birnau 1746/51. Foto: Bieri 2009. |
Pfarrkirche Mundelfingen 1750. Foto: H. Zell in Wikipedia 2020. |
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| Wichtige barocke Einturmfassaden von anderen Baumeistern Die Fassade von Riegel am Kaiserstuhl von Franz Rudhart und diejenige von Sankt Paulin in Trier von Balthasar Neumann sind gleichzeitig um 1743/44 entstanden. Beide Türme sind seitlich in die vorschwingende Fassade übergeführt, die Fassade Neumanns etwas disziplinierter und akademischer, diejenige Rudharts freier und gelöster. Eine Kenntnis Rudharts von St. Paulin in Trier kann ausgeschlossen werden. In der Literatur wird der Baumeister Johann Caspar Bagnato[10] als Vorbild Rudharts genannt. Dies trifft für die Turmfassade Riegel nicht zu. Bei der einzigen Einturmfassade Bagnatos, diejenige der 1738 gebauten Kirche Merdingen im Breisgau, ist der Turm hart der Fassade vorgesetzt. Interessanterweise baut aber auch Rudhart 1752/54 in Herbolzheim und 1754/56 in Niederschopfheim wieder Einturmfassaden ohne Kurvierungen. Die gleichzeitige Ausführung der Werke Neumanns und Rudharts zeigt aber, dass um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Einbindung des Turms in die bewegte und kurvierte Fassade zum Allgemeingut wird. Die frühen Beispiele dieser kurvierten Einturmfassaden sind in Niederösterreich zu finden. Matthias Steinl[11] und Joseph Munggenast[12] rrichten ab 1722 die Einturmfassade der Stiftskirche Zwettl in Niederösterreich mit einem 82 Meter hohen Turm. Noch früher soll die Fassade der Pfarr- und Schlosskirche von Laxenburg durch Matthias Steinl gebaut worden sein. In Oberösterreich ist an der Stiftskirche Engelszell bei Schärding am Inn eine der ausgewogensten Einturmfassaden zu sehen, bei der der Turm aus der Eingangsädikula herauswächst (1754–1763, der Planer ist unbekannt). Eine der unkonventionellen derartigen Fassaden ist diejenige der Wallfahrtskirche Maria Steinbach an der Iller, die um 1760 nach Plänen eines Paters und Liebhaberarchitekten aus Rot an der Rot gebaut wird. Während diese spätbarocken kurvierten Fassaden alle dreigeteilt sind, baut 1756-1764 Johann Peter Ernst Rohrer[13] die Einturmfassade der Stadtpfarrkirche von Rastatt mit dem Mittelturm in einer fünfteiligen Fassade. |
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| Pfarrkirche Merdingen 1738. Foto: Mattana 2007. |
Stiftskirche Zwettl NÖ 1722. Foto: Uoaei1 2014 |
Wallfahrtskirche M- Steinbach um 1760. Foto: Bieri 2016 |
Stiftskirche Engelszell OÖ 1754. F.:Wolfgang Sauber |
Stadtpfarrkirche Rastatt 1756/64. F: M. Dürrschnabel |
Klosterkirche Schaeftlarn BY 1712/51. F: H. Helmlechner 2022. |
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Zusammenfassung
Einturmfassaden an grösseren Sakralbauten des Barock sind fast auschliesslich Werke des 18. Jahrhunderts, mit Verbreitung in Südwestdeutschland, Franken und Österreich. In Altbayern ist der Typus weniger verbreitet. Die bekannte Turmfassade der Klosterkirche Schäftlarn in Oberbayern, 1710/12 von Viscardi gebaut, ist zudem ein Beispiel einer Fassade vom Typus C2 (der Turm ist hinter die Fassade gestellt).
Die vorliegende Beispiel-Zusammenstellung kann keine vollständige Übersicht bieten, obwohl der Typus gegenüber der barocken Doppelturmfassade, vor allem aber gegenüber von Türmen an anderer Stelle (seitlich der Fassaden, an Chorflanken, am Chorhaupt) in absoluter Minderheit ist. Die chronologische Einordung ist zudem ungenau, weil die Kunstgeschichte sich selten für das Baujahr der Fassade interessiert. Vielfach wird diese erst am Schluss der Bauzeit erstellt. Türme an der Eingangsfassade sind auch deshalb selten, weil bei vielen barocken Neubauten der bestehende Turm aus Kostengründen lediglich mit Obergeschossen versehen werden darf, oder, wie im Fall der Stiftskirche Rheinau bei Schaffhausen, als rechter Turm der neuen Doppelturmfassade dient
Pius Bieri 2025
| Weiterführende Literatur |
| Oechslin, Werner (Hrsg.): Die Vorarlberger Barockbaumeister. Ausstellungskatalog Einsiedeln 1973. |
| Mack, Johannes: Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing. Würzburg 2008. |
Anmerkungen
[1] Beispiele: Die Münster in Strassburg, Freiburg im Breisgau, Freiburg im Üechtland, Bern und Ulm.
[2] Antonio Petrini (1623–1701). Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Petrini_Antonio.html.
[3] Valerian Brenner (1652–1715). Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenner_Valerian.html.
[4] Joseph Greissing (1664–1721) ist als Baumeister in Franken tätig. Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch. Zur Stiftskirche Theres siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/h-r/Obertheres.html.
[5] Johann Georg Seitz (1682–1739), zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Seitz_Johann_Georg.html. Sein Sohn Johannes Seitz ist Schüler von Balthasar Neumann.
[6] Balthasar Neumann (1687–1753), zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Neumann_Balthasar.html.
[7] Peter Thumb (1681–1766). Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Thumb_Peter.html. Sein Lehrmeister Franz Beer errichtet zwar 1709–1716 in Münsterlingen am Bodensee eine Einturmfassade (Typus B1), die aber wenig gestalterischen Effort zeigt.
[8] Franz Ignaz Krohmer (1714–1789), ist 1733–1740 Zeichner im Baubüro des Balthasar Neumann in Würzburg, aber gleichzeitig Baden-Badischer Hof-Ingenieur. 1745 wird er Mitarbeiter des Hofbaumeisters Johann Peter Ernst Rohrer, dem jüngeren Bruder Johann Michael Ludwigs und dessen Nachfolger als Hofbaumeister in Rastatt. Er ist 1748 Planer der Kirche St. Michael in Appenweier (Stuckateur ist Johannes Schütz, Maler Benedikt Gambs).
[9] Franz Rudhart, auch Ruedhardt (1708–1765) aus Kleinweiler bei Isny im Allgäu ist ursprünglich Schreinermeister und betätigt sich nach seiner Einbürgerung 1741 in Kinzingen als Liebhaberarchitekt beim Bau der Kirchen in Riegel, Herbolzheim und Niederschopfheim. Seine Einturmfassaden sind eher von fränkischen Vorbildern als den Bauwerken des Deutschordensbaumeisters Johann Caspar Bagnato geprägt. Dessen Pfarrkirche in breisgauischen Merdingen (1738/41) zeigt eine Einturmfassade vom Typus B1.
[10] Johann Caspar Bagnato (1696–1757), zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Bagnato_Johann_Caspar.html.
[11] Matthias Steinl oder Steindl (1644–1727). Er wird auch für die Einturmfassade der Pfarrkirche Laxenburg in Niederösterreich genannt, deren Erbauungsjahre allerdings nicht erforscht sind.
Zu ihm siehe https://www.deutsche-biographie.de/sfz69028.html#ndbcontent.
[12] Joseph Munggenast (1680–1741). Zu ihm siehe https://www.deutsche-biographie.de/sfz67319.html#ndbcontent.
[13] Johann Peter Ernst Rohrer (1687–1762). Zu ihm siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Peter_Ernst_Rohrer.
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